Werke von Adolfs Skulte, Jānis Ivanovs, Alfrēds Kalniņš und anderen

Flowering Jasmine

Liepāja Symphony Orchestra, Ltg. Guntis Kuzma

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: SKANI
erschienen in: das Orchester 11/2022 , Seite 66

Es ist ein Aus­flug ins Unbekan­nte: Sin­fonis­che Musik des 20. Jahrhun­derts aus Let­t­land von Kom­pon­is­ten, die zwar zu den wichtig­sten ihres Lan­des gehören, aber in Deutsch­land unbekan­nt sind. Bei der Nen­nung ihrer Namen stößt man unwillkür­lich auch auf Eigen­heit­en der let­tis­chen Sprache: zum Beispiel auf die Tat­sache, dass Vor­na­men hier eine dek­lin­ier­bare Endung erhal­ten – bei Män­nern meis­tens ein „s“. So wird aus Alfred dann Alfreds und Erik heißt Eriks. Die Geschichte Let­t­lands ist geprägt von ein­er lan­gen Zeit der Besatzung, die erst nach dem Fall der Sow­je­tu­nion im Jahr 1991 zu Ende war. Nicht von unge­fähr schaut man in dem baltischen Land mit großem Arg­wohn auf die furcht­baren Kriegsereignisse in der Ukraine.
Wer sich ein wenig zur Musik in Let­t­land beli­est, trifft schnell auf eine aus­geprägte Kul­tur der Volksmusik, des Tanzes und der Chor­musik. Ohne tief­ere Ken­nt­nis der let­tis­chen Kun­st­musik lässt sich schw­er sagen, welche eige­nen Ansätze zeit­genös­sis­chen Kom­ponierens auf volksmusikalis­ch­er Grund­lage es gibt. Die vor­liegen­den neun Kom­po­si­tio­nen, ent­standen zwis­chen 1906 und 2007, bieten keine Antwort auf diese Frage, denn volksmusikalis­che Ele­mente sind in ihnen kaum her­auszuhören – ja sie pfle­gen fast durchge­hend einen neoro­man­tisch-emphatis­chen Stil, in dem sich ver­schiedene Tra­di­tio­nen wiederfind­en. Bemerkenswert, dass die meis­ten Kom­pon­is­ten ihre Aus­bil­dung am Kon­ser­va­to­ri­um in Riga genossen haben.
Aufgenom­men wurde diese CD vom Sin­fonieorch­ester der west­let­tis­chen Hafen­stadt Liepā­ja (auf Deutsch: Libau), die mit ihren 75000 Ein­wohn­ern die drittgrößte Stadt des Lan­des ist.
Die 1987 ent­standene Ouvertüre von Adolfs Skulte (1909–2000) erin­nert in ihrer Bild­haftigkeit an Hol­ly­wood-Film­musik. Skulte ist (laut Wikipedia) bekan­nt als Vertreter der musikalis­chen Aus­prä­gung des Sozial­is­tis­chen Real­is­mus. Das Orch­ester­stück Regen­bo­gen von Jānis Ivanovs (1939) hinge­gen ist stark von Debussy und Wag­n­er bee­in­flusst – wobei der 1983 ver­stor­bene Kom­pon­ist sehr unter­schiedliche Stile­pochen durch­lebte. Das älteste Stück ist In Staburag (1906) von Alfrēds Kalniņš (1879–1951), ein Werk im Stil der Nation­al­ro­man­tik. Entrück­te, neoro­man­tis­che Soli von Geige und Vibra­fon hört man in Flow­er­ing Jas­min von Georgs Pele­cis (*1947). Med­i­ta­tive Stim­mung zu fasslich­er Har­monik schafft der Trompeter und Kom­pon­ist Jānis Pori­etis (*1953), lyrisch schwel­gt eine Bal­lade von Jānis Ķepītis (1908–1989), bei Adolfs Abele (1889–1967) ist man Mahler ganz nahe, bei dem jun­gen Ēriks Ešen­valds (*1977) sehr stim­mungsvoll dem frühen Expres­sion­is­mus. Nur Agris Engel­ma­n­is (*1936) pflegt in sein­er Illus­tra­tion in Sepia einen rhyth­misch beton­ten, volksmusikalisch bee­in­flussten Stil.
Ins­ge­samt bietet die Auf­nahme also trotz unbekan­nter Namen und Werke nicht wirk­lich viel stilis­tis­che Abwech­slung und eher tra­di­tionelle Klänge. Sich­er hat Let­t­land da noch anderes zu bieten. Der Text im Book­let ist viel zu klein und schlecht les­bar gedruckt.
Johannes Killyen