Werke von Amadeus Mozart und Wim Henderickx

Flow

Annelien Van Wauwe (Bassklari­nette), NDR Radiophilharmonie, Ltg. Andrew Manze

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Pentatone
erschienen in: das Orchester 10/22 , Seite 66

Yoga ver­hil­ft mir, Ruhe zu find­en und auch Nicht-Geplantes zuzu­lassen – für mich sind Musik und Yoga die zwei Säulen meines Lebens als Musik­erin und Lehrerin“ (Annelien Van Wauwe, FB). Das ist gut so, denn Yoga ist zumeist hil­fre­ich. Nur: Es gibt viele Stufen des Yoga – von welch­er die Musik­erin hier spricht, ist nicht klar erkennbar. Wohl von dem in unzäh­li­gen Stu­dios prak­tizierten Hatha-Yoga. Wim Hen­d­er­ickx’ vier­sätzige Kom­po­si­tion für Bassklar­inette, Elek­tron­ik und Orch­ester bein­hal­tet dur­chaus inter­es­sante Ansatzpunk­te, doch wird hier Patan­jalis Yoga-Lehre, die als Vor­lage ange­führt wird, recht beliebig inter­pretiert. Wie Moses mit den 10 Geboten erk­lärt auch Patan­jali in seinem acht­gliedri­gen Pfad des Yoga in den ­ersten bei­den Stufen anhand von Yama and Niya­ma die Regeln für ein geistiges Leben.
Den Auf­bau und die Energie ­eines klas­sis­chen indis­chen Ragas kann man in dieser Kom­po­si­tion nicht erken­nen. Haupt­merk­mal des­sel­ben ist immer eine durch­schwin­gende Fre­quenz, in ver­schiedene Tem­pi einge­bun­den, die über­höhend auf Geist und Psy­che wirken kön­nen. Wim Hen­d­er­ickx kreiert dage­gen vier gän­zlich unter­schiedliche Musik­stücke, die wohl für gedankliche Assozi­a­tio­nen bezüglich Pranaya­ma, Dhyana, Dha­rana und Samad­hi ste­hen, aber nicht wirk­lich auf tief erlebten Erfahrun­gen basieren, wen­ngle­ich er sich seit langem mit der vedis­chen Philoso­phie befasst und eine Mehrzahl von Kom­po­si­tio­nen mit diesem The­ma veröf­fentlicht hat. Den­noch ist Sutra, wenn man vom vielle­icht irreführen­den Titel absieht, dur­chaus inter­es­sant und ein wichtiger Beitrag zur zeit­genös­sis­chen Musik. Her­vor­ra­gend inter­pretiert zudem von der NDR Radio­phil­har­monie unter der Leitung von Andrew Manze. Annelien Van Wauwe bril­liert in dem für sie kom­ponierten Werk mit der bekan­nten solis­tis­chen Meisterschaft.
Als Ein­stieg wählte man Mozarts Klar­inet­tenkonz­ert in A‑Dur, KV 622, aus dem Jahr 1791. Hier kön­nte man als kleines Manko der Inter­pre­ta­tion das Fehlen ein­er dom­i­nan­teren Phrasierung auflis­ten. Der Auf­tak­t­satz klingt etwas „weichge­spült flauschig“ und wieso der Anfang oft wie zufäl­lig erklingt, kon­nte sich mir noch nie erschließen, den­noch beweist die Solistin hier erneut ein tiefemp­fun­denes Musizieren.
Warum nun „Flow“ als Titel? Im Hatha Yoga ste­ht dieser Begriff für den Zus­tand des Fließens aus ein­er erhöht­en Bewusst­sein­sebene her­aus. Was – banal gesagt – in den guten alten Zeit­en der europäis­chen Klas­sik dur­chaus Nor­malzu­s­tand gewe­sen sein soll. Hans von Bülows Ausspruch „Im Anfang war der Rhyth­mus“ gilt auch heute noch für Sänger und Instru­men­tal­is­ten gle­icher­maßen. Rhyth­mis­che Energien sind die Grund­lage jeglich­er Musik, ganz gle­ich aus welch­er Zeit und in welchem Umfeld resul­tierend. In Mozarts Musik ist dieser Rhyth­mus immer vorhan­den, er floss aus ­seinem Leben­szen­trum heraus.
Midou Grossmann