Blue Chamber Quartet

First Impressions

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Stockfisch Records SFR 357.4046.2
erschienen in: das Orchester 02/2008 , Seite 63

Schon seit den Anfän­gen des Jazz verbindet Klas­sik­er und Jazzer eine eigen­willige Mis­chung aus Neugi­er und Zunei­gung. Bere­its in den 1920ern über­nah­men Jazzer klas­sis­che The­men und von Igor Straw­in­sky wird berichtet, er habe sich häu­fig Konz­erte des Bebop-Sax­o­fon­is­ten Char­lie Park­er ange­hört. Diese Fasz­i­na­tion der Musik aus dem anderen Lager erfasste auch den Schlagzeuger der Wiener Phil­har­moniker, Thomas Schindl, den Kon­tra­bassis­ten Hol­ger Michal­s­ki, im Haupt­beruf Mit­glied des Göt­tinger Sym­phonie-Orch­esters, sowie die Pianistin Julia Bartha und die Har­fenistin Ange­li­ka Siman. Als „Blue Cham­ber Quar­tet“, abgekürzt BCQ, schla­gen sie in fün­fzehn Titeln einen Bogen von Sergej Prokof­jews Toc­ca­ta zu Chick Core­as La Fies­ta, dessen spanis­chen Charak­ter in der Ein­gangspas­sage, in einem Solo und in der Schlusspas­sage kun­stvoll geschla­gene Kastag­netten unter­stre­ichen.
Die Inter­pre­ta­tion selb­st bleibt klas­sisch kühl, wobei sich Klavier und Harfe den im Orig­i­nal von Flöte und Klavier bes­timmten Part teilen. Das Quar­tett untern­immt keine Anstren­gun­gen, Spiel­hal­tung und Ges­tus des Jazzensem­bles zu übernehmen. Es bleibt authen­tisch, indem es sich auf seine Stärke konzen­tri­ert: das Inter­pretieren. Dabei zeigen die vier ein feines Gefühl für Stim­mungen und Nuan­cen. Dies bekommt auch ihren zu ein­er Suite konzen­tri­erten Bear­beitun­gen von fünf Songs aus Chick Core­as Zyk­lus Children’s Songs her­vor­ra­gend, zumal schon Chick Core­as Ein­spielung von 1983 den Charak­ter zurück­hal­tend inter­pretiert­er Etü­den trug. Die Pianistin Julia Bartha unter­stre­icht im 19. Song noch etwas stärk­er als Core­as Orig­i­nal den Bezug des Stücks auf Erik Saties konzen­tri­erte Klanggestal­tung – eine run­dum schlüs­sige Fas­sung, die sich in den Ensem­blever­sio­nen der anderen vier Songs fort­set­zt. Selb­st der 18. Children’s Song, in dem die vier kraftvoller als Corea in sein­er Solover­sion agieren, bleibt im Rah­men konzen­tri­ert­er Kam­mer­musik. Dem entsprechen auch ihre Ver­sio­nen von Astor Piaz­zol­las Tan­ti Anni Pri­ma und Kicho, wobei die Präg­nanz und Schärfe, die Piaz­zol­las Ensem­bles aus­geze­ich­net hat­ten, durch ein gefäl­ligeres Herange­hen erset­zt wur­den. Hat­ten die Corea-Bear­beitun­gen vorder­gründig einge­set­zte Jaz­zfloskeln ver­mieden, so enthält die Jaz­zsuite des Schot­ten Richard Michael zu viele. Hier und in den vom Tan­dem Jens Schlieck­er und Nils Rohw­er kom­ponierten Stück­en Hin­ter dem Fen­ster und Music 4–4 schweben Kom­po­si­tion und Inter­pre­ta­tio­nen halt­los im Nie­mand­s­land zwis­chen Jazz und Klas­sik. Die ein­deutige kam­mer­musikalis­che Aus­rich­tung der Corea-Inter­pre­ta­tio­nen ist wesentlich schlüs­siger, denn sie ver­sucht gar nicht erst Jazz zu sein und bleibt im Bere­ich ein­er stilis­tisch aus­geweit­eten Kam­mer­musik.
Wern­er Stiefele