Kapp, Eugen

Finnisch-karelischer Tanz

aus der Ballett-Suite "Kalevipoeg". Transkription für symphonisches Blasorchester von Ott Kask, Partitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Eres, Lilienthal/Bremen 2015
erschienen in: das Orchester 09/2015 , Seite 73

Was den Deutschen ihre Nibelun­gen-Sage, ist den Esten ihr Kale­vipoeg – das Mitte des 19. Jahrhun­derts von Friedrich Rein­hold Kreuzwald ver­fasste Nationale­pos Est­lands. Im Orig­i­nal beste­hen diese zwanzig Gesänge aus 19000 Versen, deren Inhalte aus Volk­sliedern und Sagen des Lan­des beste­hen. Der Held dieses Epos ist der riesen­hafte und mit enor­men Kräften aus­ges­tat­tete Kale­vipoeg. Seine Mut­ter starb beimVer­such eines finnis­chen Zauber­ers, sie zu ent­führen, und so beg­ibt sich der ahnungslose Sohn Kale­vipoeg auf der Suche nach sein­er Mut­ter nach Finn­land, wo es viele Aben­teuer zu beste­hen gilt.
Der aus ein­er est­nis­chen Musik­er- und Päd­a­gogen­fam­i­lie stam­mende Eugen Kapp wurde 1908 im südrus­sis­chen Astra­chan in der Nähe der heuti­gen Gren­ze zu Kasach­stan geboren. Er studierte Klavier und Kom­po­si­tion, bevor er zunächst als Dozent für Musik­the­o­rie am Talliner Konser-
vato­ri­um unter­richtete, dessen Rek­tor er von 1952 bis 1964 war. Für sein 1948 kom­poniertes Bal­lett Kale­vipoeg erhielt er 1952 den Stal­in­preis. Hierzu­lande ist dieses Stück, wie auch große Teile seines weit­eres Œuvres, eher unbekan­nt und so kön­nte die hier vor­liegende Tran­skrip­tion für sym­phonis­ches Bla­sor­ch­ester ein span­nen­der Geheimtipp für all diejeni­gen sein, die auf der Suche nach etwas Beson­derem auf diesem Gebi­et sind.
Der finnisch-karelis­che Tanz ste­ht in a-Moll und mutet in den ersten Tak­ten mit seinen stetig klopfend­en Achteln in der Bassklar­inette leer und geheimnisvoll an. Melodiefet­zen aus den Klar­inet­ten und gedämpften Trompe­ten lassen an ein munteres Tänzchen von Landleuten in der Ferne denken. Das The­ma wird zunächst von weit­eren Holzbläsern aufge­grif­f­en, bevor es in einem schwungvollen und laut­en Tut­ti mün­det. Gekon­nt spielt der aus Tallinn stam­mende Arrangeur Ott Kask mit den unter­schiedlichen Klang­far­ben der Holzbläs­er und gedämpften Blech­bläs­er. Die lyrischen Cel­lophrasen der Orig­i­nal­par­ti­tur übernehmen in dieser Tran­skrip­tion die Hörn­er und Fagotte, und die Sax­o­fone dür­fen sich freuen, endlich ein­mal die Bratschen des Orch­esters zu sein. Das Stück dürfte rein tech­nisch für die meis­ten sym­phonis­chen Bla­sor­ch­ester eher keine große Her­aus­forderung darstellen. Trotz­dem bleibt es musikalisch reizvoll in sein­er Ein­fach­heit und für die Zuhör­er ein kleines, ungewöhn­lich­es, aber wohlschmeck­endes Bon­bon für die Ohren.
Die Par­ti­tur ist als DIN-A4- und DIN-A3-Aus­gabe erhältlich und enthält neben dem Noten­text lediglich einige knappe Sätze zu Eugen Kapp in Deutsch und Englisch. Details zum Stück oder zur Inten­tion des Arrangeurs sucht man verge­blich.
Etwas unver­ständlich bleibt, warum Ott Kask für seine Tran­skrip­tion nur den Finnisch-karelis­chen Tanz aus­gewählt hat, denn die Kale­vipoeg Suite hätte noch so viel mehr vor allem für sym­phonis­ches Bla­sor­ch­ester reizvoll zu spie­lende Musik zu bieten. So bleibt dieser knapp dreim­inütige Tanz ein wenig ein­sam und braucht wohl ein geschick­tes Händ­chen, welch­es flankierende Stücke für ein Konz­ert­pro­gramm her­aus­sucht, um nicht allzu exo­tisch und aus dem Kon­text geris­sen zu wirken.
Kristin Thiele­mann