Jean Sibelius

Finlandia

Tondichtung für Orchester op. 26, hg. von Timo Virtanen, Partitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Breitkopf & Härtel
erschienen in: das Orchester 03/2020 , Seite 63

Zur ihren größten Hits haben große Kom­pon­is­ten bisweilen ein ges­paltenes Ver­hält­nis. Dass ein „paar Tak­te“ Musik den Blick der Öffentlichkeit für das übrige Œuvre ver­stellen, kann für den Schöpfer ein Ärg­er­nis sein. Ander­er­seits ist da diese Sehn­sucht, von der Muse stets so heftig geküsst zu wer­den, dass ide­al­er­weise immer ein Hit, oder sagen wir: inspiri­erteste Musik entste­ht. Und gewiss lebt es sich in Zeit­en insti­tu­tion­al­isiert­er Autoren­rechte kom­fort­a­bel, wenn eine Kom­po­si­tion aus eigen­er Fed­er zum Selb­stläufer und zur Tantiemen­quelle wird.
Auch Jean Sibelius scheint diesen Zweis­palt emp­fun­den zu haben. 1911 notiert er: „Befremdlich, dass alle jene Kri­tik­er, die meine Musik bewun­dern, die Auf­führung von Fin­lan­dia […] ger­ingschätzen. Alle anderen aber bejubeln sie, die im Ver­gle­ich zu meinen anderen Werken eine unbe­deu­tende Kom­po­si­tion ist.“ An ander­er Stelle sin­niert er über die Gründe für den Erfolg sein­er beliebten Kom­po­si­tion: „Es ist tat­säch­lich nur auf The­men gebaut, die mir zuge­flossen sind. Reine Einge­bung! Wenn ich diesen Stil nur generell erre­ichen kön­nte…“
Über Entste­hungs- und Wirkungs­geschichte dieser „Zweit­en Nation­al­hymne“ eines von langer Fremd­herrschaft geprägten, nach Unab­hängigkeit dürs­ten­den Finn­lands informiert detail­re­ich das Vor­wort zur neuer­schiene­nen Par­ti­tur. Sibelius-Experte Timo Vir­ta­nen lehrt an der Uni­ver­sität der Kün­ste in Helsin­ki und ist maßge­blich beteiligt an der Urtext-Edi­tion der Werke des großen Finnen. Vir­ta­nens Essay lässt uns teil­haben am patri­o­tis­chen Impuls, der finnis­che Kün­stler um 1900 beseelte.
Fin­lan­dia ist poli­tis­che Musik: Ursprünglich konzip­iert als Final­satz ein­er „Musik zu den Presse­feiern“ – Ende 1899 fand diese Man­i­fes­ta­tion für Presse- und Rede­frei­heit im rus­sisch beset­zten Finn­land statt –, verselb­st­ständigte sich das Werk zum Sym­bol eines Auf­bruchs. „Eine bewe­gen­dere Melodie lässt sich kaum denken“, notiert der Kom­pon­ist Karl Flodin (1858–1929) über den hym­nis­chen Ausklang, „es ist ein ganz neues Volk­slied, oder kor­rek­ter: das Lied unseres demokratis­chen finnis­chen Volkes.“
Anlässlich der Paris­er Weltausstel­lung 1900 gastierte das Phil­har­monis­che Orch­ester Helsin­ki mit Kom­po­si­tio­nen auss­chließlich finnis­ch­er Prove­nienz, und hier feierte Fin­lan­dia Tri­umphe. Inter­es­san­ter­weise kri­tisierte der anson­sten enthu­si­astis­che Karl Flodin einen Aspekt, der auch uns bei neuer­lichem Hören bzw. Lesen der Par­ti­tur auf­fällt: Das Stück ist „zu kurz“! Aus dem mythis­chen Raunen des Beginns und der anschließen­den, von Trompe­tensignalen getriebe­nen Jagdszene geht unver­mit­telt ein opti­mistisch anmu­ten­der Marsch her­vor, der den Boden bere­it­et für die abschließende Hymne.
Ver­glichen mit der alten Bre­itkopf-Aus­gabe scheinen die Tex­tun­ter­schiede mar­gin­al zu sein. Dies schmälert keineswegs das ver­di­en­stvolle Unternehmen dieser Sibelius-Urtex­taus­gabe, die neben der Par­ti­tur auch einen Kri­tis­chen Bericht und Orch­ester­ma­te­r­i­al zur Ver­fü­gung stellt. Wer Sibelius wörtlich nehmen will, sollte Bre­itkopf wählen.
Ger­hard Anders