Arne Stollberg

Figuren der Resonanz

Das 18. Jahrhundert und seine musikalische Anthropologie

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Metzler/Bärenreiter
erschienen in: das Orchester 01/2023 , Seite 64

Wer bei Musik an den Konz­ert­saal denkt, bei Medi­zin hinge­gen an den OP-Saal, mag die bei­den Bere­iche in weit­er Ent­fer­nung voneinan­der verorten. Von ihrer Verbindung zeugt indes eine Rei­he gebräuch­lich­er Redewen­dun­gen, die Arne Stoll­berg zusam­men­trägt: „Dass man nach wie vor davon spricht, zartbe­saitet oder in schlechter Stim­mung zu sein, ges­pan­nte Ner­ven zu haben, an ein­er Magen­ver­stim­mung zu lei­den, die aber langsam abklinge – all dies zeigt, wie sehr die Vorstel­lung des Leibes als Musikin­stru­ment unser Denken über den Men­schen immer noch prägt.“ Die besagte Vorstel­lung des Leibes als Musikin­stru­ment wurzelt in der Annahme des Ner­ven­sys­tems als Geflecht aus vib­ri­eren­den Sait­en. Äußere Reize führen dem­nach zu einem inneren Mitschwin­gen, wie sich auch die innere Ver­fas­sung kör­per­lich ausdrückt.
Stoll­bergs Argu­men­ta­tion zufolge resul­tiert diese Vorstel­lung aus der Musik des 18. Jahrhun­derts, in der sich aus der sta­tis­chen Abbil­dung von Affek­ten deren dynamis­ch­er Mitvol­lzug entwick­elt, sodass die Musik let­ztlich nicht abstrak­tes Sym­bol, son­dern konkreter Träger kör­per­lich-seel­is­ch­er Zustände ist. Der Ent­fal­tung dieses Zusam­men­hangs kommt es zugute, dass Kapi­tel mit anthro­pol­o­gis­ch­er, medi­zingeschichtlich­er, kun­st­the­o­retis­ch­er und werk­an­a­lytis­ch­er Aus­rich­tung einan­der abwech­seln, ohne dass die Gren­ze zwis­chen den einzel­nen Fachdiskursen verwischt.
Geschickt wan­dert der Fokus allmäh­lich von der Wis­senschafts- zur Kun­st­geschichte. Musikalis­che Analy­sen sind kurz und bündig gehal­ten, wom­it ihnen in erster Lin­ie die Funk­tion von Illus­tra­tio­nen der­jeni­gen Tex­tquellen zukommt, die die Argu­men­ta­tion leit­en. Eine beson­dere Stärke der Darstel­lung beste­ht in der ver­balen Abschat­tierung von Bewegungs‑, Affekt- und Empfind­ungsnu­an­cen, sodass man ger­adezu eine Art nachträglich­er Kom­pen­sa­tion der im 18. Jahrhun­dert diag­nos­tizierten Begren­ztheit der Sprache bei der Erfas­sung von Gestik und Mimik ver­muten möchte.
Die Mono­grafie beruht auf umfan­gre­ichen Vorar­beit­en ihres Autors und stützt sich auf eine Vielzahl von Quellen. Es mag skep­tisch stim­men, dass die zitierten Vertreter der Medi­zin meist auf die Musik ver­weisen, die genaue Beschaf­fen­heit, Qual­ität und Inten­sität der ästhetis­chen Ver­wick­lung also außer Acht lassen, während umgekehrt der Nach­weis eines „medi­zinisch informierten Kom­ponierens“ auf Noten­tex­ten beruht, da eine ver­bale Reflex­ion seit­ens der Musikschaf­fend­en rar gesät ist. Doch selb­st wenn die direk­ten Verbindungslin­ien im Fall der Musik nur wenige Spuren hin­ter­lassen haben, bleibt der reiche Wider­hall des medi­zinisch-anthro­pol­o­gis­chen Wis­sens­standes der Zeit in der Kun­st ins­ge­samt verblüf­fend und Stoll­bergs Forschung dazu bemerkenswert.
Sören Sönksen