Ilse Fischer / Helga Rabl-Stadler (Hg.)

Festspiel Dialoge

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Anton Pustet
erschienen in: das Orchester 12/2020 , Seite 60

In der sich selbst konsumierenden Gesellschaft wurden sie immer wichtiger und auf bestimmte Weise das Gewissen der Festspiele.“ So würdigte Festspielleiter Gérard Mortier die von Michael Fischer unter dem Themenkopf „Warum brauchen wir Utopien, die scheitern?“ inaugurierten und von den „Freunden der Salzburger Festspiele“ veranstalteten Festspiel-Dialoge. Von 1994 bis 2014 begleitete die Vortragsreihe das Edel-Festival, welches Mortier nach der Wirtschaftswunder-Ära unter Karajan reformiert hatte, unter anderem durch eine Neuaufstellung, ermäßigte Karten für junge Menschen und Rahmenprogramme. Nach Gérard Mortiers und Michael Fischers Tod – beide starben 2014 – fanden die Festspiel-Dialoge letztmals im Sommer 2014 statt. Das Thema lautete zum Gedenken an den Beginn des Ersten Weltkriegs „Ästhetizismus und Barbarei 1914-2014“.
Auf der Website „Wissenschaft & Kunst W & K“ (https://w-k.sbg.ac. at/de/archiv/arts-festival-culture/festspiel-dialoge.html) sind Manuskripte, Ankündigungen und Medienecho verfügbar. Die Hommage-Printausgabe eines „der wichtigsten Bausteine des neuen Salzburg“ (Gérard Mortier) bietet zum hundertjährigen Bestehen der Festspiele 2020 eine umfangreiche Auswahl. Ilse Fischer würdigte diese Publikation als Verwirklichung eines lang gehegten Wunsches ihres Mannes. Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler kündigt in ihrem Vorwort eine „wunderbare Sammlung spannender Beiträge“ an.
Es ist klar, dass der in Politikwissenschaften, Soziologie und Philosophie promovierte Fischer neben dem Werkgehalt den konzeptionellen und zeitrelevanten Aspekten der Salzburger Festspiele nachspüren ließ. Thematisiert werden überwiegend Musiktheater und Schauspiel, Konzerte kaum.
Die Herausgeberinnen nennen keine Begründungen für ihre Auswahl- und Ordnungskriterien. Auseinandersetzungen mit Werken der Festspielinitiatoren Hugo von Hofmannsthal (Jedermann – natürlich!) und Richard Strauss durchwirken neben viel Mozart die Referate, auch monolithische Einzelaspekte zu Legitimationen und Hinterfragungen der „Verpflichtung als europäisches Gedächtnis“ und der „Identitätsstiftung für ein Europa des 21. Jahrhunderts“.
Der Band liefert neben der Website nichts Neues. Ungenutzt blieb die Print-Edition für ein posthumes Resümee, das Michael Fischers koordinierende Haltung würdigt. Zu den Referenten gehörten Rolf Liebermann, Wolf Lepenies, Peter Ruzicka und Nike Wagner, Thea Dorn mit einer Blaubart-Gebrauchsanleitung (14. August 2014), Dieter Borchmeyer mit „Eros und Thanatos in der Oper“ (30. Juli 2008) und viele andere.
So präsentiert sich dieser Band als geistiges Muskelpaket mit beeindruckend breiten Gedanken-Schultern unter weißer Umhüllung – allerdings ohne Verortung in der dem zeitlichen Wandel unterworfenen Gesellschaftstopografie. Der Impulsgeber Michael Fischer ist präsent mit seinem Einleitungsbeitrag „Die Kunst – Das Leben – die Politik“ zur Podiumsdiskussion mit Rolf Hochhuth und Richard von Weizsäcker am 4. August 1998.
Roland Dippel