Eespere, René

Februarium

für zwei Celli und Kammerorchester, Partitur, Leihmaterial

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Verlag Neue Musik, Berlin 2012
erschienen in: das Orchester 03/2014 , Seite 71

Der est­nis­che Kom­pon­ist René Eespere (*1953) studierte zunächst am Kon­ser­va­to­ri­um in Tallinn, ehe er seine Aus­bil­dung in Moskau unter anderem bei Aram Chatschatur­jan fort­set­zte. Bere­its seit 1979 unter­richtet er selb­st Kom­po­si­tion und Musik­the­o­rie an der Est­nis­chen Musikakademie und gehört in Est­land zu den bekan­ntesten Tonkün­stlern. Eesperes musikalis­ches Schaf­fen umfasst sowohl Kam­mer­musik als auch großbe­set­zte Stücke. Beson­dere Aufmerk­samkeit erhielt er außer­dem für sein umfan­gre­ich­es Chor­w­erk. Seine Ton­sprache ist ein­fach und klar gegliedert. Die Kom­po­si­tio­nen ver­wen­den oft modales Ton­ma­te­r­i­al und greifen auf Osti­na­to-Tech­nik und Vari­a­tions­for­men zurück. Zudem erin­nern sie in ihrer Schlichtheit an rit­uelle Musik und Min­i­mal Music.
In einem spir­ituellen Kon­text ist auch der Titel Feb­ru­ar­i­um gewählt, der auf die alte römis­che Feb­rua-Tra­di­tion, ein Fest der Sühne und der Reini­gung, zurück­ge­ht. Die zwölfminütige Kom­po­si­tion aus dem Jahr 2007 für zwei Cel­li und Kam­merorch­ester erhält durch lange Liegetöne und ständi­ge Rep­e­ti­tio­nen einen med­i­ta­tiv­en, bisweilen sta­tis­chen Charak­ter. Gle­ichzeit­ig wird durch fort­laufende kleine Verän­derun­gen Bewe­gung erzeugt. Das motivis­che Grun­dele­ment, eine meist schrit­tweise nach oben geführte Achtellinie, wird zunächst vom ersten Cel­lo vorgestellt. Im Laufe der Kom­po­si­tion wird diese Lin­ie durch alle Stim­men geführt und dabei vari­iert, fort­ge­spon­nen und in einzelne kleine Struk­turen zer­legt, die wiederum weit­erge­führt wer­den. Dabei bes­tim­men Tem­pi­wech­sel und rhyth­mis­che Impulse den Ver­lauf der Kom­po­si­tion. Motivik, Rhyth­mus, Tem­po und Dynamik verdicht­en sich immer mehr zu einem musikalis­chen Höhep­unkt hin, ehe sie allmäh­lich zu einem ruhi­gen Ende zurück­ge­führt wer­den.
Die bei­den Solo­cel­li sind gle­ich­w­er­tig geset­zt: Sie begleit­en, imi­tieren und antworten sich gegen­seit­ig, wer­den aber auch oft par­al­lel geführt. Die Stimm­führung erin­nert dabei an Vokalw­erke. Den Solostim­men fehlen sowohl vir­tu­ose Pas­sagen als auch gesan­gliche Phrasen. Sie sind vielmehr in den Kam­merorch­esterk­lang einge­bet­tet. Beson­ders der erste Cel­list sollte mit dem Spiel in den oberen Lagen und Fla­geo­lets ver­traut sein. Abge­se­hen von der Stimm­lage find­en sich aber in bei­den Stim­men keine großen Schwierigkeit­en. René Eespere verzichtet auf mod­erne Spiel­tech­niken und set­zt auf einen tra­di­tionellen, schlicht­en Kom­po­si­tion­sstil. Ins­ge­samt lässt Feb­ru­ar­i­um musikalis­che Span­nung und Entwick­lung, die den Zuhör­er fes­seln, lei­der ver­mis­sen.
Anna Catha­ri­na Nimczik