Nectoux, Jean-Michel

Fauré

Seine Musik. Sein Leben. "Die Stimmen des Clair-obscure"

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Bärenreiter, Kassel 2013
erschienen in: das Orchester 03/2014 , Seite 68

Ein Glücks­fall: Jean-Michel Nec­toux’ 1990 erst­mals im franzö­sis­chen Orig­i­nal erschienenes und 2008 über­ar­beit­etes Fau­ré-Buch – Frucht jahrzehn­te­langer, pro­fun­der Arbeit über einen oft unter­schätzten Kom­pon­is­ten – liegt nun in deutsch­er Über­set­zung vor. Diese Pub­lika­tion erfüllt
ein echt­es Desider­at, denn abge­se­hen von dem Bären­re­it­er-Band Gabriel Fau­ré. Werk und Rezep­tion (1996), ein­er Samm­lung von Auf­sätzen zu Einzelthe­men, lag hierzu­lande das Schrift­tum zu diesem immer­hin einst als „franzö­sis­ch­er Schu­mann“ beze­ich­neten Kom­pon­is­ten lange Zeit brach. Nun kann auch die deutschsprachige Fau­ré-Gemeinde auf ein Buch zurück­greifen, das den neuesten wis­senschaftlichen Stand wiedergibt und dessen umfan­gre­ich­er Anhang (Chronik zu Leben und Werk, Werkverze­ich­nis, Bib­li­ografie sowie weit­ere Anmerkun­gen enthal­tend) auch schnelle Nach­schlagbedürfnisse erfüllt. Zudem ist die Dik­tion des Buchs gle­icher­maßen von Nec­toux’ Kom­pe­tenz wie von sein­er großen Sym­pa­thie für diesen Kom­pon­is­ten geprägt.
Auf den ersten Blick sprung­haft erscheint die Erzählweise: Biografis­ches und Werk­be­tra­ch­tun­gen sind wed­er streng getren­nt noch in einen einzi­gen Erzählstrom zusam­menge­fasst, son­dern wer­den raf­finiert übere­inan­derge­blendet. So behan­delt etwa der zweite Teil des Buchs im Wesentlichen die Jahre zwis­chen 1865 und 1887; die hier inte­gri­erten Abschnitte zu den The­men Kam­mer­musik, Chor­w­erk und Büh­nen­werke beschränken sich aber nicht auf die in dieser Zeit ent­stande­nen Kom­po­si­tio­nen. Es zeugt vom Geschick Nec­toux’, dass sich dieser Modus für den Leser nicht ver­wirrend, son­dern vielmehr inspiri­erend auswirkt: Stets ist der Blick auf Detail und Gesamtwerk zugle­ich gerichtet.
Sehr auf­schlussre­ich sind Nec­toux’ Betra­ch­tun­gen der Fau­ré-Rezep­tion durch die jun­gen Kün­stler um 1920. Nach den unter­schiedlichen Sta­di­en, die das öffentliche Bild dieses Kom­pon­is­ten durch­laufen hat­te – vom akademis­chen Frankre­ich einst ob sein­er avancierten Har­monik gescholten, galt er der Gen­er­a­tion Debussys fast schon wieder als alt­modisch –, emp­fan­den die Vertreter der „Jeune France“ um Jean Cocteau und Dar­ius Mil­haud Fau­rés Kun­st ein­er „zurück­hal­tenden Moder­nität“ (Nec­toux) als weg- und zukun­ftsweisend. „Genug der Wolken, Wellen, Aquar­ien, Wassernix­en und nächtlichen Gerüche“, polemisiert Cocteau gegen Debussy und ver­wahrt sich zugle­ich gegen eine Musik, die rus­sisch oder deutsch oder bei­der­seits unter­wan­dert sei: „Ich ver­lange eine franzö­sis­che Musik Frankre­ichs.“ Eine solche Kun­st sah das „Junge Frankre­ich“ in Fau­rés Werk ver­wirk­licht, und nach seinen zer­mür­ben­den Kämpfen um Anerken­nung scheint der greise Fau­ré die Rev­eren­zen der Jun­gen genossen zu haben.
Dieses Buch ist die ide­ale Begleit-„Musik“ zur derzeit (unter der Edi­tion­sleitung Nec­toux’) im Erscheinen begrif­f­e­nen tex­tkri­tis­chen Fau­ré-Gesam­taus­gabe des Bären­re­it­er-Ver­lags. Bis auf Mar­gin­alien darf auch die Über­set­zung von Nor­bert Kautschitz als gelun­gen beze­ich­net wer­den.
Ger­hard Anders