Das lang geplante Konzerthaus in München soll das ganze Quartier prägen. Wird es nun doch nicht gebaut?/© bloomimages für cukrowicz nachbaur architekten zt gmbh

Marco Frei

Fatale „Denkpause“

Das Ringen um ein neues Konzerthaus für München missachtet die Wichtigkeit des Standortfaktors Kultur für eine Stadt

Rubrik: Thema
erschienen in: das Orchester 7-8/2022 , Seite 14

Wenn die Zeiten nicht rosig sind, droht der Rotstift zuerst in der Kunst und Kultur. Auch zu Corona-Zeiten ist das so, und es dürfte sich vorerst nicht ändern – zumal die Pandemie weder ausgestanden ist noch ihre ­Auswirkungen sich kalkulieren lassen. Der Ukraine-Krieg hat die Situation weiter verschärft. Den Kulturbetrieben droht Ungemach, selbst im reichen Bayern. Dabei ist längst bekannt, dass Kunst nicht nur kostet, sondern viel Geld in die Kassen spült und gesellschaftlichen Nutzen bringt.

Die Worte des bay­erischen Min­is­ter­präsi­den­ten lösen ein Beben aus. In einem Inter­view mit der Süd­deutschen Zeitung äußert sich Markus Söder Ende März zum geplanten neuen Konz­erthaus im Werksvier­tel hin­ter dem Ost­bahn­hof in München. „Ich finde: Wir soll­ten dies­bezüglich innehal­ten und uns selb­st eine Denkpause geben“, sagt er darin. Denkpause? Die gab es eigentlich schon immer. Seit ein­er gefühlten Ewigkeit, rund drei Jahrzehnte, wird um eine adäquate Heimat für das Sym­phonieorch­ester des Bay­erischen Rund­funks gerun­gen: samt End­los-Stan­dort­suche, Wet­tbe­wer­ben, Stre­it­ereien um die Finanzierung.
Und jet­zt eine neuer­liche „Denkpause“? Der Chef der bay­erischen Christ­sozialen (CSU) zaubert hier­für viele Begrün­dun­gen aus dem Hut. In den ver­gan­genen zwei Jahren habe sich viel verän­dert. Der Staat sei durch die Coro­na- und die Ukraine-Krise mas­siv gefor­dert. „Wir kön­nen nicht alles unendlich finanzieren“, so Söder, zumal er mit deut­lich höheren Baukosten rechne. Bis zu eine Mil­liarde Euro, so viel wie sein­erzeit die Ham­burg­er Elbphil­har­monie, kön­nte der Bau kosten, besagen einige aktuelle Schätzun­gen. Ursprünglich waren max­i­mal 400 Mil­lio­nen Euro ver­an­schlagt worden.

Populistische Denkpausen

Auf eine konkrete Summe möchte sich Söder zwar nicht fes­tle­gen, aber: „Die Baukosten steigen über­all immens an“, sagt er in dem Inter­view. Die Mil­liar­den-Schätzung hält er für „real­is­tisch“. Gle­ichzeit­ig ver­weist Söder auf den Herku­lessaal, die Isarphil­har­monie und den Gasteig, die es in München ja bere­its gebe. „Also vier Konz­ert­säle für zwei Orch­ester. Da ist die Frage nahe­liegend: Lohnt es sich nicht, bess­er eine gemein­same Bespielung zu entwick­eln?“ Jeden­falls müsse man bei der­ar­ti­gen Baukosten „mul­ti­kom­plex“ denken. Auch solche Pläne gab es bereits.
„Wie viele neue große Konz­ert­tem­pel kön­nen wir uns leis­ten?“, fragt Söder rhetorisch. Schnell schiebt er nach, dass der Freis­taat „das Geld stem­men“ kön­nen würde, „keine Frage“. Doch will es der Freis­taat auch? Offen­bar nicht.
Die „Denkpause“ Söders ist ein Denkzettel für die Kun­st und Kul­tur, und zwar nicht nur in Bay­ern, son­dern für ganz Deutsch­land. Zwar sind bis­lang nir­gends Pläne durch­gesick­ert, dass infolge der Pan­demie Orch­ester und The­ater geschlossen oder fusion­iert wer­den. Wenn aber schon im „reichen Freis­taat“ indi­rekt der­ar­tige Spielchen angestrengt wer­den, kön­nten andere diesem Beispiel folgen…


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Aus­gabe 7–8/2022.