Niels Wilhelm Gade

Fantasiestücke op. 43

für Klarinette und Klavier, hg. von Nicolai Pfeffer, Fingersatz der Klavierstimme von Klaus Schilde, Stimmen

Rubrik: Noten
erschienen in: das Orchester 07-08/2018 , Seite 61

Die vier Fan­tasi­estücke des dänis­chen Kom­pon­is­ten Niels W. Gade, der von 1817 bis1890 lebte, sind wohl die beliebtesten Stücke, mit denen Klar­inet­tis­ten schon als Schüler in die Musik­welt der Roman­tik einge­führt wer­den. Zum 200. Geburt­stag hat der Hen­le-Ver­lag die indi­vidu­ell gestal­teten Stücke mit ein­er Bal­lade als Mit­telpunkt in sein Ver­lagspro­gramm aufgenom­men und legt damit ein weit­eres Werk der Klar­inet­ten­lit­er­atur in ein­er fundierten Urtext-Aus­gabe vor. Der Klar­inet­tist Nico­lai Pfef­fer, der schon ver­schiedene andere Klar­inet­ten-Aus­gaben betreut hat, ist als Her­aus­ge­ber für den Noten­text ver­ant­wortlich.
Um alle edi­torischen Fra­gen klären zu kön­nen, bedarf es ein­er guten Quel­len­lage, die für die Fan­tasi­estücke recht unkom­pliziert ist, da die Klavier­par­ti­tur und die sep­a­rate Klar­inet­ten­stimme als Auto­graf existieren und auch die Erstaus­gabe von 1864 (Kist­ner, Leipzig) zur Ver­fü­gung ste­ht. Wichtig ist auch eine Druck­vor­lage, in der die Kom­pon­is­ten zumeist noch Kor­rek­turen oder weit­ere Ein­tra­gun­gen vorgenom­men haben, die im Fall des op. 43 jedoch nicht mehr vorhan­den ist. Somit bleibt als maßge­bliche Quelle der Erst­druck, der auch der ver­bre­it­eten Hansen Edi­tion der Fan­tasi­estücke als Vor­lage diente.
Inter­es­sant ist der Blick auf die Tem­poangaben und Tak­tvorze­ich­nung des Auto­grafs. Gade hat den ersten Satz zunächst nur mit „Larghet­to“ angegeben und später „con moto“ hinzuge­fügt, der zweite und vierte Satz wird jet­zt im 4/4-Takt notiert, während das Auto­graf jew­eils alla breve vorze­ich­net, was dem Met­rum mehr entspricht, wobei im letz­ten Satz „Alle­gro molto vivace“ ursprünglich der Zusatz „vivace“ fehlt. Ein Indiz für die Prob­lematik von Tem­poangaben! Der Her­aus­ge­ber kon­nte – wie oft bei älteren Ver­lagsaus­gaben – viele Unge­nauigkeit­en bei der Set­zung von Crescen­do-Gabeln ver­merken, die unkom­men­tiert kor­rigiert wur­den. Wenige Stecher­fehler wer­den in den Bemerkun­gen erläutert.
Weit­ere Entschei­dun­gen des He­rausgebers bee­in­flussen die Interpre­tation maßge­blich: Im zweit­en Satz wer­den alle unein­heitlichen Akzen­tu­ierun­gen des synkopierten ersten Klar­inet­ten­mo­tivs gemäß der Erstaus­gabe gelöscht. Warum im let­zten Satz, dessen tem­pera­mentvoller Aus­druck durch den Zusatz con fuo­co in der Klar­inet­ten­stimme unter­strichen wird, in Takt 21 nur forte ste­ht und nicht das fz aus dem Auto­graf und dem Erst­druck über­nom­men wird, ist nicht nachvol­lziehbar. Anson­sten wer­den bei vie­len Par­al­lel­stellen sin­nvolle Angle­ichun­gen in der Artiku­la­tion und Ähn­lich­es vorgenom­men. Allerd­ings ver­misst man im zweit­en Satz in Takt 20 eine Angle­ichung bzw. einen Kom­men­tar zum Bass des Klavier­parts, der im Ver­gle­ich zur exakt gle­ichen Stelle in Takt 24 einen anderen Rhyth­mus des Tenor­tons f notiert.
Bei der Neuaus­gabe kann man auch über die exak­te Set­zung von Crescen­do-Gabeln im Ver­gle­ich zur Erstaus­gabe (z.B. Klar­inette im 4. Satz T. 93/95) disku­tieren. Let­z­tendlich entschei­det das musikalis­che Gespür über Details, für die der gewohnt qual­itätvoll gedruck­te Hen­le-Urtext mit seinen Anmerkun­gen sen­si­bil­isieren kann.
Herib­ert Haase