Steinbeck, Anke

Fantasieren nach Beethoven

Praxis und Geschichte kreativer Musik

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Dohr
erschienen in: das Orchester 11/2017 , Seite 56

Lud­wig van Beethoven war ein großer Meis­ter der Impro­vi­sa­tion und begeis­terte mit seinem freien Fan­tasieren auf dem Klavier das Wiener Pub­likum. 190 Jahre nach seinem Tod erscheint nun ein sehr schön gemacht­es Buch der Musik­wis­senschaft­lerin Anke Stein­beck, das sich mit eben diesem Fan­tasieren nach Beethoven auseinan­der­set­zt. Dabei knüpft die Pub­lika­tion an Beethovens Geburtsstadt Bonn an, in der die Autorin derzeit als Pro­jek­tlei­t­erin im Jazzbere­ich tätig ist. Beet­hoven selb­st ste­ht nicht im Mit­telpunkt, stattdessen präsen­tiert das Buch neben eini­gen Kapiteln mit Grund­sät­zlichem zum The­ma Impro­vi­sa­tion zahlre­iche gut geführte Inter­views mit her­aus­ra­gen­den Musik­ern aus Jazz und/oder Klas­sik, die in der Regel im Zusam­men­hang mit deren Konz­erten in Bonn geführt wur­den. Diese Gespräche machen einzelne Aspek­te des The­mas Impro­vi­sa­tion sowie die jew­eili­gen kün­st­lerischen Stand­punk­te sehr deut­lich. Die in Bonn geborene jün­gere Jaz­zpi­anistin und Band­lead­erin Julia Hüls­mann z.B. äußert sich über die durch einen falschen Ton verur­sachte Fall­höhe in der Klas­sik.
Die Inter­view­part­ner aus dem Bere­ich der Klas­sik, u.a. der auch als Jaz­zsänger aktive Bari­ton Thomas Quasthoff und der Kom­pon­ist Enjott Schnei­der, wid­men sich schw­er­punk­t­mäßig den Gren­zen zwis­chen den musikalis­chen Gen­res, die sie aus ein­er Vielzahl von Grün­den für über­holt hal­ten, und sie gewähren Ein­blicke in die eige­nen kreativ-kün­st­lerischen Strate­gien, die z.B. von Kon­trasten oder von außer­europäischen Impulsen inspiri­ert sind. All­ge­mein kri­tisch gese­hen wird, dass die Neue Musik oft­mals zu verkopft erscheint.
Beson­ders inter­es­sant und von hohem Erken­nt­nis­gewinn ist das Inter­view mit dem Vibra­fon­is­ten und Architek­tur­the­o­retik­er Christo­pher Dell, der das Phänomen der Impro­vi­sa­tion in ver­schiedene Hand­lungsmo­di zwis­chen „Mud­dling through“ und kon­struk­tivem Umgang mit Unbes­timmtheit unterteilt und dabei mit der Def­i­n­i­tion sein­er eige­nen Musik als zeit­genös­sis­ch­er Musik mit hohem Impro­vi­sa­tion­san­teil eine nahezu all­ge­me­ingültige Beze­ich­nung prägt.
Neben den Erken­nt­nis­sen zum Ver­hält­nis von Impro­vi­sa­tion zu Kom­po­si­tion skizziert Anke Stein­beck in ihrem sehr unter­halt­sam zu lesenden Buch am Beispiel der Stadt Bonn, wie das Musik­leben unser­er Städte zwis­chen Gestern und Mor­gen im Hier und Jet­zt zu gestal­ten wäre. Der Kun­st­form der Impro­vi­sa­tion sollte dabei ein her­aus­ra­gen­der Ort reserviert wer­den. Ihr Poten­zial ist zu wichtig und wirkungsmächtig, als dass eine Gesellschaft sie außen vor lassen kön­nte.
Die Autorin selb­st wird auch in ihrem The­ma bleiben. Im Vor­wort kündigt sie zwei weit­ere Pub­lika­tio­nen an, in denen sie die bish­er noch auf die Bun­desstadt beschränk­ten Über­legun­gen in größere Zusam­men­hänge stellen will. Den kom­pos­i­torischen Großmeis­ter Beethoven zum Patron heutiger Impro­visatoren zu machen, ist auf jeden Fall eine sehr gute Idee, seine Gren­züber­schre­itun­gen kön­nen auch heute noch ein großer Ans­porn sein. In Bonn und über­all son­st.
Stephan Fro­l­eyks