Joseph Joachim

Fantasie über Ungarische Motive (1850)/Fantasie über Irische [Schottische] Motive (1852)

für Violine und Orchester, Urtext

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Bärenreiter
erschienen in: das Orchester 03/2019 , Seite 61

Ich kann’s nicht unter­lassen, wenig­stens mit eini­gen Worten Ihnen zu sagen, welch einen uner­hörten, beispiel­losen Erfolg unser lieber Joseph gestern Abends im Phil­har­monis­chen Con­cert durch seinen Vor­trag des Beethoven’schen Vio­lin-Con­certes gehabt hat. Ein Jubel des ganzen Pub­licums, eine ein­stim­mige Liebe und Hochachtung aller Musik­er, eine her­zliche Zunei­gung von Allen, die an der Musik aufrichtig theil­nehmen und die schöns­ten Hoff­nun­gen auf solch ein Tal­ent bauen – das Alles sprach sich am gestri­gen Abend aus.“
Es ist kein gerin­ger­er als Felix Mendelssohn Bartholdy, der mit diesen hin­reißen­den Worten in einem Brief aus dem Jahr 1844 das Lon­don­er Debüt des erst 13-jähri­gen Joseph Joachim beschreibt. In den fol­gen­den Jahrzehn­ten wurde Joachim zu ein­er der schillernd­sten Per­sön­lichkeit­en des europäis­chen Musik­lebens. Als Berater und Wid­mungsträger ist sein Name mit den großen Vio­linkonz­erten des 19. Jahrhun­derts fest ver­bun­den. So haben ihm Johannes Brahms, Antonín Dvořák und Max Bruch jew­eils ihre Konz­erte zugedacht. Bis heute unum­strit­ten ist seine Posi­tion als ein­er größten Vir­tu­osen, welche die Musikgeschichte her­vorge­bracht hat.
Dabei wird leicht vergessen, dass Joseph Joachim neben seinem Vir­tu­osenda­sein auch als Kom­pon­ist gewirkt und ins­beson­dere für sein Instru­ment, die Vio­line, ein inter­es­santes Œuvre hin­ter­lassen hat. Die in dem vor­liegen­den Noten­band enthal­te­nen Fan­tasien, welche von Katha­ri­na Uhde erst­mals her­aus­gegeben wur­den, lassen sich Joachims frühen Werken zuord­nen. In dem sehr umfan­gre­ichen Vor­wort gibt die Her­aus­ge­berin nicht nur all­ge­meine Infor­ma­tio­nen zu Joachims Rolle als Kom­pon­ist, son­dern stellt zugle­ich eine Rei­he an wichti­gen Details zu den bei­den Werken vor: Sie weist unter anderem darauf hin, dass die als solche beze­ich­nete Irische Fan­tasie eigentlich auf zwei schot­tis­che Volk­slieder zurück­ge­ht und die Beze­ich­nung „irisch“ nachträglich von unbekan­nter Hand ergänzt wurde. Fern­er enthält das Vor­wort eine Vielzahl an auf­führung­sprak­tis­chen Hin­weisen zu Grif­f­en, Bogen­führung und Agogik, was beson­ders vor dem Hin­ter­grund von Joachims langjährigem Wirken als Vio­lin­päd­a­goge einen inter­es­san­ten Aspekt darstellt.
Als einzige Quellen für die bei­den Werke wur­den die Auto­grafe zugrunde gelegt, welche sich zusam­men mit Philipp Spit­tas Nach­lass im Bestand der Uni­ver­sitäts­bib­lio­thek Lodz befind­en. Der Kkri­tis­che Bericht fällt angesichts dieser Kon­stel­la­tion erwartungs­gemäß knapp aus. The­ma­tisiert wer­den unter anderem Schwierigkeit­en der Lesart, Angle­ichun­gen sowie Prinzip­i­en der Über­tra­gung.
Sowohl die im vor­liegen­den Band sep­a­rat enthal­tene Vio­lin­stimme als auch der Noten­satz des von Mar­tin Schel­haas ange­fer­tigten Klavier­auszugs zeich­nen sich durch ein angenehm pro­por­tion­iertes und klares Schrift­bild aus, sodass die vor­liegende Erstaus­gabe auch alle Voraus­set­zun­gen für die prak­tis­che Auf­führung der Werke bietet. Zudem ist sie einen wichti­gen Schritt bei der Erschließung von Joseph Joachims Rolle als Kom­pon­ist.
Bernd Wladi­ka