Bertold Hummel

Fantasia bucolica

für Viola und Kammerorchester op. 13f, Klavierauszug von Cornelius Hummel

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz
erschienen in: das Orchester 07-08/2018 , Seite 59

Bertold Hum­mels “Fan­ta­sia bucol­i­ca” ist ein früh­es Werk des Kom­pon­is­ten. Nach dem Abschluss seines Studi­ums war er für ein Jahr als Cel­list in Südafri­ka unter­wegs. Nach sein­er Rück­kehr wurde er Kan­tor in Freiburg und freier Mitar­beit­er des Süd­west­funks in Baden-Baden. Dort lernte er Willi Stech ken­nen, der das Kleine Unter­hal­tung­sor­ch­ester des Süd­west­funks leit­ete. Auf Stechs Anre­gung hin ent­standen die Werke für Kam­merorch­ester op. 13, darunter auch die “Fan­ta­sia bucol­i­ca” für Vio­la und Kam­merorch­ester.
Der 1925 geborene Kom­pon­ist war zum einen geprägt von seinem Kom­po­si­tion­slehrer Har­ald Genzmer, zum anderen von der Begeg­nung mit den Werken Mes­si­aens und Straw­in­skys.
Die etwa sechs Minuten dauernde Fan­ta­sia ist eine wertvolle Bere­icherung für die konz­er­tante Bratschen­lit­er­atur. Im ein­lei­t­en­den Andante begin­nt die Vio­la mit einem „frei“ zu spie­len­den gesan­glichen Part, der vom Orch­ester mit Arpeg­gios begleit­et wird. Danach verdichtet sich das Zusam­men­spiel zwis­chen Solist und Orch­ester, wird eine immer stärkere Spanung aufge­baut und es entste­ht ein höchst expres­siv­er, mit Dis­so­nanzen angere­ichert­er Klang. Danach fol­gt eine freie, unbe­gleit­ete, elegis­che Melodie der Vio­la, die über ein Ritar­dan­do hinüber zum Alle­gro führt. Dieses Alle­gro ist in der Tra­di­tion Hin­demiths motorisch angelegt: ein Spiel von Bewe­gun­gen und Rhyth­men, geistvoll, mit über­raschen­den Dialo­gen zwis­chen dem Orch­ester und dem Solis­ten, unter­brochen von aus­drucksvollen melodis­chen Motiv­en, von Rhyth­muswech­seln, die durch Akzente markiert wer­den und von ein­er in kurzen Abstän­den wech­sel­nden Dynamik. Am Ende führt Hum­mel die Musik zum Andante zurück und zu einem freien Spiel der Solo-Vio­la in ein­er auskom­ponierten Konz­ertkadenz.
Die Fan­ta­sia wirkt noch tonal, ist auf den Ton d bezo­gen. Aber ihre Klan­glichkeit weit­et und über­springt die Gren­zen ein­er tonalen Har­monik und bezieht Dis­so­nanzen ein, um Span­nung und Energie zu inten­sivieren. Aus der Schule Genzmers kom­mend überzeugt dieses Werk durch seine handw­erk­liche Fundiertheit, die sich auch darin zeigt, dass es aus der Ken­nt­nis der Spiel­tech­nik und der klan­glichen Möglichkeit­en der Vio­la her­aus kom­poniert ist. Mit dem Orch­ester ergibt sich eine facetten­re­iche Inter­ak­tion, die von zurück­hal­tender Begleitung bis zu poly­fon­er Dichte reicht.
Die über­sichtlich ein­gerichtete Aus­gabe des Schott-Ver­lags der Solostimme und des Klavier­auszugs von Cor­nelius Hum­mel eignet sich bestens für Studi­um und Konz­ert. Für fort­geschrit­tene Schüler und für Stu­den­ten ist die Fan­ta­sia eine höch­ste Musikalität fordernde Ein­führung in die Neue Musik. Bei ein­er Auf­führung im Konz­ert kön­nen hier viele Reg­is­ter solis­tis­chen Vio­la-Spiels gezo­gen wer­den und entste­ht ein span­nen­des und aus­drucksvolles Konz­ertieren zwis­chen Solist und Orch­ester. Eine wichtige Bere­icherung der Vio­lo-Lit­er­atur.
Franzpeter Mess­mer