Fauré, Gabriel

Fantaisie op. 79 und Morceau de lecture für Flöte und Klavier

hg. von Annette Oppermann, Partitur und Stimme

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Henle, München 2015
erschienen in: das Orchester 10/2016 , Seite 61

Obwohl ihn Saint-Saëns dort mit der Musik von Chopin, Schu­mann, Liszt und Wag­n­er ver­traut gemacht hat­te, war es für Fau­ré als Absol­ven­ten lediglich ein­er kirchen­musikalisch ori­en­tierten Aus­bil­dung an der École Nie­der­mey­er, also wed­er mit Studi­um am Con­ser­va­toire noch Rompreis-Ambi­tio­nen, in Paris nicht leicht, Anerken­nung zu find­en. Schließlich kon­nte er 1896 den­noch Massenets Kom­po­si­tion­sklasse übernehmen; Enes­cu, Koech­lin, Flo­rent Schmitt und auch Rav­el gehörten zu seinen Schülern.
Der mit Fau­ré befre­un­dete Paris­er Flötist und Diri­gent Paul Taffanel, der seit 1893 für die Aus­bil­dung der Flötis­ten ver­ant­wortlich war, über­ließ ihm 1898 den Kom­po­si­tion­sauf­trag für das alljährliche Prü­fungsstück. Damit soll­ten die Fähigkeit­en der Kan­di­dat­en in geboten­er Kürze, d.h. max­i­mal fünf bis sechs Minuten Spiel­d­auer, zu prüfen sein – keine leichte Auf­gabe, mussten doch Kri­te­rien wie Phrasierung, Aus­druck, Tonkon­trolle und Vir­tu­osität in geeigneter Weise berück­sichtigt wer­den. Fau­ré war deshalb Taffanels kol­le­giale Hil­fe bei der Durch­sicht der Flöten­stimme sehr willkom­men, er bedank­te sich aus­drück­lich und her­zlich dafür und wid­mete ihm natür­lich auch die Fan­tasie op. 79.
Die Fan­tasie zeigt Fau­rés leichte und empfind­same Art des Kom­ponierens, glänzend und wirkungsvoll in jed­er Phrase, spielerisch die Fig­uren, organ­isch die Steigerun­gen und durch Auf­tak­tigkeit unter­stützte Präsen­ta­tion der tech­nis­chen Schwierigkeit­en. Das macht ihren musikalis­chen Reiz aus und ihre andauernde Beliebtheit, die sie zum fes­ten Kern des Flöten­reper­toires wer­den ließ. Lei­der hat Fau­ré außer dieser Fan­tasie und dem für die Prü­fung notwendi­gen Morceau de lec­ture son­st nichts für Flöte kom­poniert. Bei allen anderen Stück­en han­delt es sich um Bear­beitun­gen, an erster Stelle die Pavane op. 50 (1887), ursprünglich ein Orch­ester­stück, und die Sicili­enne op. 78 (in zwei Büh­nen­musiken ver­wen­det).
Die neue Aus­gabe beruht man­gels Auto­graf auf der immer noch erhältlichen, aber nicht ganz fehler­freien bzw. zwis­chen den bei­den Flöten­stim­men nicht immer kon­sis­ten­ten Paris­er Erstaus­gabe bei Hamelle. Sie punk­tet mit infor­ma­tivem Vor­wort zur Entste­hung der Kom­po­si­tion, Kri­tis­chem Bericht und guten Wen­destellen im Klavier. Die Fin­ger­sätze von Klaus Schilde sind, abge­se­hen von der Angabe in Takt 83, die auch ein Druck­fehler sein kön­nte, sich­er hil­fre­ich. Nur lassen sie sich lei­der nicht aus­radieren, wenn man andere Möglichkeit­en ver­suchen möchte.
Das Morceau de lec­ture, ein nur 19 Tak­te umfassendes Ada­gio non trop­po, wurde 1977 von der Besitzerin des Auto­grafs unter dem irreführen­den Titel Morceau de con­cours veröf­fentlicht, allerd­ings in ein­er erweit­erten und bear­beit­eten Fas­sung. Hier erhält man natür­lich den unverän­derten Text. Im fliegen­den Wech­sel apho­ris­tis­ch­er Gedanken wie eine kleine Solokadenz gestal­tet, ver­langt es in der Flöte schnelle Auf­fas­sungs­gabe und musikalis­che Beweglichkeit. Der schlichte akko­rdis­che Klavier­part erlaubt dem Prü­fungskan­di­dat­en aber eigene Entschei­dun­gen hin­sichtlich der musikalis­chen Gestal­tung.
Ursu­la Pešek