Ellinor Skagegård

Fanny Mendelssohns unerhörtes Gespür für Musik

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Insel, Berlin 2021
erschienen in: das Orchester 11/2021 , Seite 68

Über­set­zun­gen kön­nen verblüf­fen – selb­st auf den ersten Blick und bere­its auf der Titel­seite. Dieses Kun­st­stück gelingt Regine Elsäss­er jüngst. Den ver­gle­ich­sweise sach­lichen wie drö­gen schwedis­chen Orig­inalti­tel schleift die Über­set­zerin in ein her­rlich auf den Punkt gebracht­es Lebens­bild um. Dafür allerd­ings ste­ht Peter Høegs inter­na­tionaler lit­er­arisch­er Durch­bruch aus dem Jahr 1992 Fräulein Smil­las Gespür für Schnee Pate. Fan­ny Mendelssohns uner­hörtes Gespür für Musik eröffnet heute den viel klar­eren Blick auf eine zu lange im Schat­ten ihres jün­geren Brud­ers Felix ste­hende Kom­pon­istin als die im Schwedis­chen trans­portierte Hal­tung, Musik sei für Frauen nur eine Zierde und keine erstrebenswerte oder gar den Leben­sun­ter­halt sich­ernde Berufung.
Die Würdi­gung des weib­lichen kreativ­en Schaf­fens auf dem Feld der Tonkun­st kommt in den ver­gan­genen Jahrzehn­ten immer mehr zur Gel­tung. Musik­er, Forsch­er, Lieb­haber, Ver­lage, Plat­ten­fir­men, Fes­ti­vals, Konz­erthäuser und Orch­ester wen­den sich der aufgeschlosse­nen Rückschau zu. Die Pianistin Lau­ma Skride nahm 2007 Fan­ny Hensels Klavierzyk­lus Das Jahr auf. Auf eine filmis­che und musikalis­che Spuren­suche begab sich 2019 die Tas­tenkün­st­lerin Kyra Steck­eweh mit der mehrfach prämierten Doku­men­ta­tion Kom­pon­istin­nen. Darin wer­den neben Fan­ny Hensel auch Mel Bonus, Lili Boulanger und Emi­lie May­er dem Vergessen entrissen.
Bei einem Konz­ert in Upp­sala stößt Skagegård 2014 dank des lokalen Kam­merorch­esters erst­mals auf Fan­ny Hensel. Die Jour­nal­istin und Folk­musik­erin verpflichtet sich, sich dieser einzi­gar­ti­gen Frau aus promi­nen­ter Fam­i­lie – Kün­st­lerin, Kul­turschaf­fende, Mut­ter und Ehe­frau – inner­halb der Zeit­geschichte anzunäh­ern. Fünf Jahre später erscheint das Buch in ihrer Heimat. Dafür nutzt die Schwedin Briefe, Tage­büch­er, Biografien und Stu­di­en als Quellen und arrang­iert diese zu ein­ma­li­gen Momen­tauf­nah­men der entschei­den­den Lebenssta­tio­nen. Die Berlin­er Salons des 19. Jahrhun­derts, die Kün­stler­reisen in das gelobte Ital­ien oder die Oase der Son­ntagskonz­erte erste­hen wieder vor dem geisti­gen Auge. Der Lehrer Zel­ter und der alte Goethe dür­fen natür­lich nicht fehlen.
Skagegård set­zt mit Clara Schu­mann und Charles Goun­od bemerkenswerte Licht­punk­te. Allerd­ings genügt der Ver­gle­ich zwis­chen Fan­ny Hensel und Clara Schu­mann allein nicht, um in groben Lin­ien die Chan­cen und Gren­zen für Frauen im dama­li­gen Musik­be­trieb nachzuze­ich­nen. Die Friedlän­der Apothek­er­tochter Emi­lie May­er fand in Carl Loewe in Stet­tin ihren Ziehvater und startete von Berlin aus ihre inter­na­tionale Kar­riere – allerd­ings als Unver­heiratete. Jene beweist als Sin­fonikerin, dass sich das einst als schwach ange­se­hene Geschlecht nicht auf den engen schöpferischen Kreis von Liedern oder Kam­mer­musik zu begren­zen braucht, son­dern geht nach Beethoven pro­duk­tiv voran.
Elli­nor Skagegårds her­rlich­es Debüt Fan­ny Mendelssohns uner­hörtes Gespür für Musik ist wie ein Song aus der schwedis­chen Hit­fab­rik: eingängig, gehaltvoll und dank der so plas­tisch her­aus­gestell­ten Men­schen anrührend.
Uwe Roßner