Vlieger, Henk de

Evocazione

für Flöte solo

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz 2014
erschienen in: das Orchester 03/2015 , Seite 73

Die magis­che Funk­tion der Flöte, die seit der Vorzeit belegt ist, beschert der Lit­er­atur für Flöte solo bis heute etliche Anrufun­gen oder Beschwörun­gen. Der ital­ienis­che Begriff „evo­cazione“ stammt ab vom Lateinis­chen „evo­ca­tio“ (Aufruf) bzw. „evo­care“ (her­aus- oder her­beirufen). Evoka­tion bedeutet all­ge­mein das Erweck­en bzw. Her­vor­rufen von Gedanken und Assozi­a­tio­nen, mitunter auch die Prax­is der Geis­terbeschwörung.
Das Werk Evo­cazione ent­stand im April 1994 als Geburt­stags­geschenk für Car­la Mei­jers, Soloflötistin der Nieder­ländis­chen Radio Phil­har­monie. Uraufge­führt wurde es erst zwanzig Jahre später, am 11. Juli 2014, in Hil­ver­sum. Der Kom­pon­ist des Werks Henk de Vlieger wurde 1953 in Schiedam (Nieder­lande) geboren. Ab 1984 war er als Schlagzeuger Mit­glied der Nieder­ländis­chen Radio Phil­har­monie. Par­al­lel zu sein­er 40-jähri­gen Kar­riere als Instru­men­tal­ist machte er sich vor allem als Arrangeur einen Namen. Inter­na­tion­al bekan­nt wurde er seit den 1990er Jahren mit seinen gekon­nten Bear­beitun­gen für Sin­fonieorch­ester von Wagner’schen Opern: Meis­tersinger – an orches­tral trib­ute; Tris­tan und Isol­de – an orches­tral pas­sion; Par­si­fal – an orches­tral quest und The Ring – an orches­tral adven­ture, alle­samt Auf­tragswerke der Radio Phil­har­monie unter Leitung von Edo de Waart. Zudem trat er als Autor des Hand­book for the orches­tral per­cus­sion sec­tion (Den Haag 2003, ver­grif­f­en) her­vor.
Nach Mobile… for 12 flutes aus dem Jahr 1977 ist Evo­cazione de Vliegers zweites Werk für Flöte. Anders als seine früheren Werke, die wie Mobile nach stren­gen Regeln kom­poniert sind und mit einem Min­i­mum an Mate­r­i­al auskom­men, erkun­det er in diesem Solostück erst­mals einen freien und intu­itiv­en melodis­chen Stil. Das rund sieben­minütige Werk ist mit Lento e ruba­to, Vier­tel = 48–58 über­schrieben und bewegt sich im Ambi­tus von c’ bis ais”’. Es bietet keine beson­deren tech­nis­chen Schwierigkeit­en. Die rhyth­misch vielfältige Melodie ist reich an Dynamik und Klang­far­ben und drückt – vielfach gegliedert – ver­schiedene Atmo­sphären und Gefühlszustände aus. „In fünf Episo­den ent­fal­tet sich eine Musik mit unbes­timmtem pro­gram­ma­tis­chen Charak­ter“, so de Vlieger selb­st im Vor­wort. Hin­weise auf die beschwore­nen Charak­tere geben Vor­trags­beze­ich­nun­gen wie zögernd, qua­si ohne Aus­druck, ruhig, frei, ruba­to, entschlossen­er, exaltiert, zärtlich, qua­si scher­zo, ruhig, molto cantabile, sich beruhi­gend (alle orig­i­nal auf Ital­ienisch). Zwar wird die Bil­dung von Assozi­a­tio­nen angestoßen, doch ohne konkret zu wer­den und die Imag­i­na­tion in bes­timmte Bah­nen zu lenken. Was genau durch die Musik evoziert wird, bleibt jedem selb­st über­lassen.
Evo­cazione ist kein avant­gardis­tis­ches, aber ein char­mantes, die Fan­tasie anre­gen­des, angenehm zu spie­len­des neues Werk für Flöte solo. Es eignet sich für den Unter­richt mit Fort­geschrit­te­nen und kann als gefäl­lige Beimis­chung in Konz­erten ver­wen­det wer­den.
Andrea Welte