Werke von Sergej Bortkiewicz, Ernest Chausson, Fritz Kreisler und anderen

Europäische Wege

Alois Kottmann (Violine), Rudolf Dennemarck (Klavier)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Musicaphon
erschienen in: das Orchester 12/2017 , Seite 69

Nimmt man die konzeptuelle Idee dieser CD beim Wort, dann gibt es in Europa seit ger­aumer Zeit ziem­lich ein­heitlich klin­gende Musik. Dabei soll in Europäis­che Wege doch ger­ade – so for­muliert es der Geiger Alois Kottmann im Book­let – „die musikkul­turelle Vielfalt und Unverkennbarkeit der Charak­ter­is­ti­ka der einzel­nen Län­der im europäis­chen Raum“ im Mit­telpunkt ste­hen.
Dass beispiel­sweise Arcan­ge­lo Corel­li zu den „aus­drucksstarken Meis­tern des Barock“ gehört, kann man nur erah­nen, denn der vibrato­gesät­tigte Vor­trag der Folies d’Espagne-Sonate lässt wed­er etwas von den sub­tilen Affek­tum­schwün­gen ver­rat­en, die Corel­li in seine Kom­po­si­tion eingear­beit­et hat, noch zeugt er von einem tief­er­en Ver­ständ­nis im Umgang mit älter­er Musik. Die Vari­a­tio­nen­folge wird vielmehr zu ein­er pathetis­chen Angele­gen­heit, in der nicht der musikalis­che Zusam­men­hang, son­dern der schöne Ton zählt, und die durch Ein­fü­gung der nahezu sin­n­freien, stilis­tisch völ­lig unpassenden Kadenz von Hubert Léonard weit­er an Attrak­tiv­ität ver­liert.
Corel­lis Sonate, an viert­er Stelle ste­hend, ist symp­to­ma­tisch für die gesamte Pro­duk­tion, weil der Zugang zu den einzel­nen Stück­en immer ähn­lich und auf­grund wenig facetten­re­ich­er vio­lin­is­tis­ch­er Ton­for­mung mitunter ziem­lich ein­tönig ist. Am gravierend­sten ist dies bei Ernest Chaus­sons berühmtem Poème op. 25: Bere­its das eröff­nende Vio­lin­so­lo wirkt, unter­strichen von Rudolf Den­nemar­cks Klavier­vor­trag, eher eck­ig und ziel­los als organ­isch aus­ge­spon­nen, und im weit­eren Ver­lauf mäan­dert das Werk ohne Höhep­unk­te sowie ohne jegliche Klangsinnlichkeit bei den fein zise­lierten Pas­sagen vor sich hin.
Gelun­gener ist da schon die vier­sätzige Sonate g-Moll op. 26 von Sergej Bortkiewicz, der man allerd­ings nicht, wie Kottmann meint, eine „tiefe slaw­is­che Melan­cholie und Bril­lanz“, son­dern vielmehr eine starke ästhetis­che Ver­wurzelung im Spätim­pres­sion­is­mus anhören kann. Doch auch hier ent­täuscht die Umset­zung, weil die Nachze­ich­nung der melodis­chen Lin­ien eindi­men­sion­al und eng wirkt, während die klan­glich exponierten Pas­sagen mit Tremoli und Trillern auf­dringlich ger­at­en und ohne Sinn für Farbab­stu­fun­gen musiziert wer­den. Darüber hin­aus fall­en hier die auf­nah­me­tech­nis­chen Schwächen der CD beson­ders ins Gewicht, da die Vio­line zu weit im Vorder­grund ste­ht und das Klavier ohne Tiefen­wirkung erscheint.
Fritz Kreislers Präludi­um und Alle­gro, als wenig überzeu­gende Stilkopie nach Gae­tano Pug­nani kaum als Beleg für europäis­che Man­nig­faltigkeit tau­gend, fällt schließlich vor allem durch Akzen­tu­ierung neben­säch­lich­er musikalis­ch­er Details und fehlen­den Nachvol­lzug har­monis­ch­er Entwick­lun­gen auf, während Kottmann in Otmar Máchas anspruchsvollen Seik­i­los-Vari­a­tio­nen für Vio­line solo (1995) immer­hin stärk­er als in den übri­gen Stück­en die dynamis­che Gestal­tungspalette seines Instru­ments auszunutzen ver­ste­ht.
Ste­fan Drees