Thomas de Hartmann
Esther (The Lost Opera)
Corinne Winters (Sopran), Yuriy Yurchuk (Bariton), Andrew Foster-Williams (Bassbariton), Bernard Richter (Tenor), Olga Bezsmertna (Sopran) u. a. The Grange Festival Chorus, Bournemouth Symphony Orchestra, Ltg. Kirill Karabits
Beim Label Pentatone ist die Welt-Ersteinspielung von Thomas de Hartmanns (1884–1956) Oper Esther auf CD erschienen. Hier haben wir es mit einer ausgesprochenen Rarität zu tun und es ist Pentatone hoher Dank dafür auszusprechen, dass es dieses bemerkenswerte Werk auf CD herausgebracht hat. Diese Aufnahme, Teil einer Thomas-de-Hartmann-Reihe, dürfte in hohem Maße dazu geeignet sein, die Erinnerung an diesen Komponisten wieder wachzurufen. Dieses Ansinnen ist nur zu berechtigt, denn die Esther ist in hohem Maße wert, wiederentdeckt zu werden. Der ukrainische Auswanderer de Hartmann hat sie in Paris während der Besetzung der Stadt durch die Nationalsozialisten komponiert. Er hatte die Parallelen zwischen den Schrecken des Holocaust und der biblischen Geschichte um Esther erkannt. Bei der Arbeit bezog sich der Komponist auf Jean Racines gleichnamiges Theaterstück, dessen Text er für das Libretto adaptierte. Nachdem lange Zeit der Mantel des Vergessens über das Werk ausgebreitet war, ist sie jetzt endlich wieder ausgegraben worden.
Die musikalische Ausbeute des Werks beglückt den Hörer. De Hartmanns Tonsprache ist einem tonalen, spätromantischen Stil verpflichtet, der ungemein ansprechend ist und in genialer Art und Weise eine Brücke zwischen Oper und Oratorium schlägt. Esther ist von ausgedehnten Monologen und großen Chorpassagen geprägt und stellt an die Singstimmen enorme Anforderungen. Dabei wird der Einfluss anderer Tonsetzer spürbar, so z. B. von Nikolai Rimski-Korsakow. Die eindringliche Musik mutet häufig ungemein dramatisch an, zeichnet sich aber auch durch schöne Lyrismen aus. Das alles wird von Dirigent Kirill Karabits und dem versiert aufspielenden Bournemouth Symphony Orchestra und mit enormer Intensität vor den Ohren des Zuhörers ausgebreitet.
Ebenfalls ausgezeichnet sind die sängerischen Leistungen. Hier ist an erster Stelle Corinne Winters zu nennen, die mit vorbildlich italienisch fokussiertem, emotionalem und farbenreichem dramatischen Sopran eine erstklassige Esther singt. Ihre Stimmfachkollegin Olga Bezsmertna ist eine angenehm klingende Elise. Bernard Richter (Aman) und Paul Appleby (Chantre) zeichnen sich durch helle, trefflich fundierte Tenöre und sichere Spitzentöne aus. Mit profunden, sicher geführten Stimmen werden die Baritöne Yuriy Yurchuk und Andrew Foster-Williams dem Assuérus und dem Mardochée mehr als gerecht. Gut gefällt der sonor intonierende Bassbariton Edwin Crossley-Mercer in der Doppelrolle von Hydaspe und Asaph. Eine ansprechende Leistung erbringt der Grange Festival Chorus.
Ludwig Steinbach


