Werke von Rameau, Berlioz, Bernstein und anderen

Essence of an Era

Berliner Philharmoniker, Ltg. Sir Simon Rattle

Rubrik: CDs
Verlag/Label: EuroArts
erschienen in: das Orchester 11/2018 , Seite 79

Am 20. Juni 2018 ging die Ära von Simon Rat­tle als Chefdiri­gent der Berlin­er Phil­har­moniker nach 16 Jahren zu Ende – in der Wald­bühne, deren stim­mungsvolle Kulisse und faszinieren­des Flair den Musik­ern und ihrer riesi­gen Fange­meinde seit 1992 einen Erleb­nisort bieten.
Rat­tles let­zte Worte – „See you very soon“ –, nach denen er den Tak­t­stock aus der Hand gelegt und Orch­ester wie Pub­likum allein in der Berlin­er Luft zurück­ge­lassen hat, wur­den schneller Wirk­lichkeit als erwartet: Mit einem Glas Bier in der Hand spazierte der Mae­stro entspan­nt, qua­si als „freier Mann“ über die Bühne, scherzte mit der Hor­nistin, die – wie alle Blech­bläs­er – ihm zu Ehren eine weiße Perücke trug, und legte beim Schluss-Akko­rd kräftig Hand am Schlagzeug an. Ein ele­gan­ter, witziger Abgang, der die Wehmut des Abschieds milderte und der auch in Erin­nerung rief, worin die Zusam­me­nar­beit des charis­ma­tis­chen Briten mit dem selb­st­be­wussten „preußis­chen Weltk­lasse-Orch­ester“ bestanden hat.
Die Marken­ze­ichen und die Essenz dieser Ära hält nun die opu­lente DVD-Edi­tion ein­drucksvoll fest: vom Gast­diri­gat 1990 und dem ersten Wald­büh­nenkonz­ert Rat­tles 1995, der Amerikanis­chen Nacht bis hin zum Sil­vesterkonz­ert 2017. Noch ein­mal sind die Vielfalt und das Unkon­ven­tionelle der Pro­gram­mgestal­tung und der Einzug von „Leichtigkeit, Humor und Swing“ in die Phil­har­monie zu erleben, die Öff­nung für die weite Welt und für die ganze Gesellschaft zu bewun­dern und der beherzte Ein­satz für neue Werke und der sportliche Umgang mit mod­ern­er Musik zu bestaunen.
Haydn, der Kom­pon­ist, mit dem Rat­tle „am lieb­sten ein­mal zu Abend essen würde“, ist in dieser Kollek­tion nicht vertreten, dafür liefern Jean-Philippe Rameaus Les Boréades ou Abaris ein his­torisches Klangfest. Doch jenes Stück, das dem Diri­gen­ten über­aus am Herzen liegt und mit dem er sein leg­endäres Edu­ca­tion-Pro­jekt Rhythm is it! für Kinder und Jugendliche kreiert hat, fehlt nicht: Igor Straw­in­skys Le Sacre du Print­emps. Es bildet den Höhep­unkt des Fest­spielkonz­erts der Berlin­er Phil­har­moniker 2014 in Baden-Baden. Und das besitzt inmit­ten von Sil­vesterkonz­erten und Moskauer Europakonz­ert, von Wald­büh­nen-Event, Debüt-Auftritt in der Phil­har­monie und Tosca-Gast­spiel in Baden-Baden einen beson­deren Reiz – des Pro­gramms und der musikalis­chen Glan­zleis­tung wegen.
Mit den feinen Far­ben von Ligetis Atmo­sphères und Wag­n­ers Lohen­grin-Vor­spiel ver­wirk­licht Rat­tle sein Ide­al, ein großes Orch­ester wie ein Kam­mer­musikensem­ble klin­gen zu lassen; in der rhyth­mis­chen Präg­nanz und Vital­ität des Sacre führt er jene „messer­scharfe“ Präzi­sion vor, zu der er die Phil­har­moniker gebracht hat, und gemein­sam mit der großar­ti­gen Cel­listin Sol Gabet­ta kehrt er in der Ton­welt des englis­chen Elegik­ers Edward Elgar nach Hause zurück. Lon­don ist nun sein neuer Wirkung­sort. Und „See you very soon“, die tröstliche Botschaft in der Wald­bühne, meinte eigentlich den März 2019. Dann wird Simon Rat­tle wieder am Pult der Berlin­er Phil­har­moniker ste­hen. Als Gast…
Eber­hard Kneipel