Christina Barandun

Erste Hilfe für die Künstlerseele

Stressbewältigung, Kommunikation und Konfliktlösung im Kulturbetrieb. Ein Ratgeber

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Alexander Verlag, Berlin
erschienen in: das Orchester 06/2019 , Seite 58

Oft­mals fühlen sich Orch­ester­musik­er und Chorsänger, die als Solis­ten aus­ge­bildet wur­den, unter­fordert und wenig wert­geschätzt. Da nützen Druck und Belei­di­gun­gen auf kün­st­lerisch­er Ebene wenig. In Sachen Per­son­alführung und Mitar­beit­er-Weit­er­bil­dun­gen sind die The­ater gegenüber der Wirtschaft und Indus­trie min­destens 20 Jahre im Rück­stand.“
Mit diesen klaren Worten beschreibt Christi­na Baran­dun in der Ein­leitung Ihres Buchs Erste Hil­fe für die Kün­stlerseele die aktuelle Sit­u­a­tion in The­ater­be­trieben: Für viele Mitar­beit­er sind ungün­stige Kom­mu­nika­tion­sstruk­turen, hier­ar­chis­che Führungsstruk­turen sowie fehlende Mod­elle zur Per­son­alen­twick­lung längst an der Tage­sor­dung. Aber wie sollen dem Pub­likum auf der Bühne hohe human­is­tis­che Ziele ver­mit­telt wer­den, wenn auf der Hin­ter­bühne ganz andere Struk­turen vorherrschen?
Selb­st wenn sich die geset­zlichen Rah­menbe­din­gun­gen im Bezug auf psy­chis­che Belas­tun­gen am Arbeit­splatz langsam bessern, ist den­noch jed­er Mitar­beit­er als Erstes selb­st gefordert. Nur so kann die seel­is­che Gesund­heit wieder zu ein­er per­sön­lichen Kraftquelle wer­den. Denn im Prinzip ist allen Kün­stlern klar, dass sie wie Hochleis­tungss­portler kör­per­liche und men­tale Höch­stleis­tun­gen voll­brin­gen müssen. Trotz dieses Anspruchs ist das The­ma Men­tal­coach­ing in der Kun­st noch nicht weit gediehen. An dieser Stelle set­zt die Autorin an und bietet aus Ihrer Prax­is als Organ­i­sa­tions­ber­a­terin für Kul­turbe­triebe prak­tis­che und gut umset­zbare Tipps an.
Als Erstes soll die eigene Selb­st­wirk­samkeit opti­miert wer­den, um die typ­is­che Opfer­rolle ver­lassen zu kön­nen. Zu diesem Zweck wer­den ver­schiedene Meth­o­d­en zur Stress­be­wäl­ti­gung und zum Man­age­ment von äußeren Reizen und inneren Gedanken­mustern vorgestellt. Dabei spie­len auch Men­tal­train­ings-Tech­niken und Ansätze aus der Acht­samkeit eine zen­trale Rolle. Ein weit­eres Kapi­tel wid­met Baran­dun ver­schiede­nen Kom­mu­nika­tions- und Feed­back­tech­niken. Hier geht es primär um das Hin­ter­fra­gen der eige­nen Dialog­mech­a­nis­men, wodurch neue Sichtweisen in fest­ge­fahre­nen Gesprächsstruk­turen ermöglicht wer­den kön­nen. Zum Schluss wer­den Meth­o­d­en zur Kon­flik­t­be­wäl­ti­gung the­ma­tisiert, die mith­il­fe ein­er Ebene der gemein­samen Wertschätzung neue Chan­cen zum kreativ­en Wach­s­tum bieten.
Pos­i­tiv ist her­vorzuheben, dass Baran­dun am Ende jedes Kapi­tels eine Über­sicht von konkreten Anre­gun­gen und Übun­gen auflis­tet. Damit kann der Leser sofort begin­nen, die einzel­nen The­men Stück für Stück in seinem Kon­text umzuset­zen. Ins­ge­samt ist dieses Buch für jeden The­ater­mi­tar­beit­er empfehlenswert, der eine Por­tion Selb­stre­flex­ion mit­bringt und für per­sön­liche Weit­er­en­twick­lung offen ist. Natür­lich kann Baran­dun kein sofor­tiges All­heilmit­tel für alle kom­plex­en betrieblichen Prob­leme liefern. Trotz­dem ist mit diesem Werk defin­i­tiv ein erster Per­spek­tivwech­sel möglich, der in Verbindung mit anderen struk­turellen Maß­nah­men ein beachtlich­es Poten­zial birgt.
Ste­fan Lan­des