Uwe Schweikert

Erfahrungsraum Oper

Porträts und Perspektiven

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Metzler/ Bärenreiter
erschienen in: das Orchester 03/2019 , Seite 56

Uwe Schweik­ert ist seit Jahrzehn­ten zweifel­los eine der gewichtig­sten Stim­men in der Musik- und Opernkri­tik im deutschsprachi­gen Raum. Mit 77 hat er nun so etwas wie ein rück­blick­endes Beken­nt­nis­buch vorgelegt, in dem sich „die ver­schlun­genen Wege des eige­nen Erlebens“ wider­spiegeln, die „sich im Nach­hinein zu einem stim­mi­gen Bild zusam­men­fü­gen – jen­em Grund­klang der eige­nen Natur, der uns nach Paul Bekkers Überzeu­gung immer wieder den gle­ichen Grund­ton, nur entsprechend den Anlässen in ver­schiedenar­ti­gen Schat­tierun­gen hören lassen wird“.
Was Bekker 1921 in seinen Kri­tis­chen Zeit­bildern über sich selb­st schrieb, „dass der Kri­tik­er nicht Rezen­sion­sautomat ist, vielmehr inner­lich erleben­der, von seinen Erleb­nis­sen getrieben­er, an ihnen wach­sender Men­sch“, reklamiert Schweik­ert auch für sich. Die Auswahl von 23 Essays und Auf­sätzen der ver­gan­genen zwei Jahrzehnte, sortiert nach „Porträts“, „Per­spek­tiv­en“ und „Lek­türen“, belegt Bekkers Maxime: „Erleb­nis aber sucht nach Erken­nt­nis.“ Schweik­ert wid­met sich zen­tralen Kom­pon­is­ten wie pop­ulären Schlachtrössern des Reper­toires. Sein beson­deres Inter­esse gilt allerd­ings „den ver­nach­läs­sigten Rand­fig­uren und den überse­henen, jeden­falls in ihrer Bedeu­tung verkan­nten und entsprechend sel­ten gespiel­ten Werken.“
In seinem Sam­mel­band set­zt er zwei Schw­er­punk­te, die Auseinan­der­set­zung mit der in Deutsch­land noch immer (zu) wenig bekan­nten franzö­sis­chen Oper von Rameau bis Poulenc und Donizetti, „dessen Spätwerk aber bere­its aus­for­muliert, was man gemein­hin als Errun­gen­schaften dem jun­gen Ver­di zuschreibt“.
Da Schweik­ert Ver­di 2013 bere­its einen eige­nen Sam­mel­band gewid­met hat­te (Das Wahre erfind­en. Verdis Musik­the­ater), find­en sich im vor­liegen­den Band nur zwei Ver­di-Beiträge aus jün­ger­er Zeit, ein­er über Un bal­lo in maschera, ein ander­er über den Fal­staff. „Flaschen­post in die Zukun­ft“ nen­nt Schweik­ert diesen Essay, der erst­mals im Jahrbuch der Zeitschrift Opern­welt 2013 erschien. In ihm ver­rät er auf die ihm eigene intel­li­gent-geistre­iche Art, was Verdis Fal­staff mit Wag­n­er zu tun habe – dies ein­er der lesenswertesten Auf­sätze des Sam­mel­ban­des, dessen erken­nt­nis­re­iche wie unter­halt­sam geschriebene Beiträge ihre Entste­hung nicht ver­leug­nen.
„Manch­es an Fak­ten und Argu­men­ta­tion wieder­holt sich“, geste­ht Schweik­ert. Aber wer hat schon seine vie­len ver­streuten Pub­lika­tio­nen gele­sen? In seinem jüng­sten Sam­mel­band, der gewis­senhaft die Druck­nach­weise der Texte verze­ich­net und sog­ar ein kosten­los­es E-Book enthält, sind wesentliche, hochin­ter­es­sante Arbeit­en gebün­delt, die einen weit­en Bogen vom Barock bis zur Mod­erne span­nen. Sie wer­fen ein neues Licht auf die his­torische, musikalisch-dra­matur­gis­che und wirkungs­geschichtliche Bedeu­tung bekan­nter (Mozart, Puc­ci­ni, Wag­n­er, Gluck) wie weniger bekan­nter Kom­pon­is­ten (Berlioz, Rim­skij-Kor­sakow, Masse­net) im Erfahrungsraum Oper.
Dieter David Scholz