Michael Heinemann/ Bernhard Hentrich

Erfahrungen mit Bach

Ein Dresdner Bach-Buch

Rubrik: Buch
Verlag/Label: Dohr
erschienen in: das Orchester 07-08/2020 , Seite 60

Ein Dres­d­ner Bach-Buch? Das zwingt einen Augen­blick lang zum Nach­denken, denn so ganz viel ist es nicht, das einem zu Bach und Dres­den ein­fällt. Was auch die Her­aus­ge­ber dazu nötigt, von ein­er „ungewöhn­lichen Kon­junk­tion“ zu sprechen, sie aber auch sogle­ich zu recht­fer­ti­gen, insofern alle Autoren dieses Sam­mel­ban­des in irgen­dein­er Weise per­sön­lich mit Dres­den zu tun haben (soll­ten) und/oder eben über besagte Kon­junk­tion reflek­tieren. Bei drei der Autoren ist dieser Zusam­men­hang nicht allzu evi­dent, aber das zu monieren, wäre plumpe Beckmesserei.
Die promi­nen­teste Verbindung zwis­chen Bach und Dres­den ist jene bekan­nte Geschichte vom nicht stattge­fun­de­nen Wet­tbe­werb zwis­chen dem Thomaskan­tor und dem franzö­sis­chen Vir­tu­osen Louis Marc­hand, die im vor­liegen­den Buch nur gestreift wird. Den Schw­er­punkt von Bachs Dres­den-Verbindung legt Michael Heine­mann auf jenes Bemühun­gen um den Titel eines „Hof-Com­pos­i­teurs“. Der­selbe Autor geht in einem weit­eren Text der „unterirdis­chen“ Verbindung zwis­chen Bach und seinem Schüler Got­tfried August Homil­ius nach, dem Musikdi­rek­tor und Organ­ist an den drei Dres­d­ner Haup­tkirchen, auch hier dur­chaus mit neuen bzw. nach­denkenswerten Erken­nt­nis­sen aufwartend.
Lesenswert sind auch die Über­legun­gen Car­los Lozano Fer­nan­dez’ „Albert Schiffn­ers Beiträge zur Dres­d­ner Bachrezep­tion“, der qua­si- geneal­o­gis­che Tafeln zur geisti­gen Nachkom­men­schaft ver­schieden­er Kom­pon­is­ten entwick­elte, darunter eben auch Bach und der eben dadurch in per­sön­lich­er Verbindung mit und zu Robert Schu­mann stand. Hein­rich Magir­ius the­ma­tisiert „Bachs Pas­sio­nen und die h-Moll-Messe“ vor allem unter auf­führung­sprak­tis­chen Gesicht­spunk­ten. Eckart Haupt geht „Vier Jahrzehn­ten Bach-Pflege in Dres­den“ nach und Hol­ger Eich­horn ver­fol­gt die unter­schiedliche, epochenbe­d­ingte Auf­führungs­geschichte Bach’scher Musik.
Hans-Christoph Rade­mann ver­mö­gen wir nicht so ganz zu glauben, wenn er „im Vorschu­lal­ter“ sich bere­its vom „Gebt mir meinen Jesum wieder“ und „Erbarme dich“ aus der Matthäus­pas­sion faszinieren ließ, weiß doch Wolf­gang Hen­rich – glaub­würdi­ger – Gegen­teiliges zu bericht­en: „Allein die Länge der Matthäus­pas­sion von über drei Stun­den Dauer – und das ohne Pause: für mich als Kind eine wahre Tor­tur.“ Die Beiträge des Ban­des lassen sich in (mehr oder weniger) wis­senschaftliche Reflex­io­nen zum The­ma und per­sön­liche Erfahrun­gen mit Bachs Musik, vor allem eben in der Rezep­tion, aufteilen. Diese geschieht vielfach zunächst weniger aus musikalis­chen als aus christlichen Motiv­en, wobei aber immer­hin auch der inter­es­san­ten Frage nachge­gan­gen wird, ob man, um zum Beispiel Bachs religiös­es Schaf­fen authen­tisch auf­führen zu kön­nen, unbe­d­ingt selb­st auch christlich ori­en­tiert sein müsse (Eber­hard Spree).
Der Wert dieser Samm­lung wird durch die gediegene Auf­machung und zahlre­iche Abbil­dun­gen unter­strichen, kurz: Lek­türe emp­fohlen.
Friede­mann Kluge