Entweder Sie husten oder ich spiele“

Anekdoten aus der Welt der Musik. Gesammelt und neu erzählt von Hans Martin Ulbrich

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Reclam
erschienen in: das Orchester 03/2020 , Seite 61

Andere sam­meln Gegen­stände. Hans Mar­tin Ulbrich sam­melt Anek­doten, schon ein Musik­er­leben lang“, schreibt der est­nis­che Diri­gent Paa­vo Järvi im Geleit­wort zu Ulbrichs neuem Büch­lein. Seit Jahren trägt Ulbrich Histörchen aus der Welt der Musik zusam­men, einige Büch­er hat er bere­its damit gefüllt. Nun liegt ein weit­eres Bänd­chen des Basler Obois­t­en vor, in dem dieser zahlre­iche musikalis­che Anek­doten aus Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart mit Witz und Ein­füh­lungsver­mö­gen neu erzählt.
Er berichtet, wie Rossi­ni ein Denkmal zu seinen Ehren ablehnt und lieber das Geld hätte. Dvořák ist so ver­sunken in seine Musik, dass erst seine Frau ihn auf die gefährlich qual­mende Petro­le­um­lampe aufmerk­sam machen muss, Karl­heinz Stock­hausen glaubt fest daran, dass er im früheren Leben ein Adler war, und Philip Glass weigert sich, eine Oper über Don­ald Trump zu schreiben, da ihn, wie er sagt, „verkrachte Per­sön­lichkeit­en“ nicht inter­essieren. Der Diri­gent Her­bert Blom­st­edt lädt zu Knäcke­brot und sauren Gurken, der Pianist Edwin Fis­ch­er hält den Lon­don­er Bürg­er­meis­ter für einen Saal­diener und gibt ihm ein paar Münzen als Trinkgeld, eine deutsche Indus­triel­len­gat­tin ver­wech­selt Clau­dio Abba­do mit dem Gärt­ner und ein Grafologe liest aus Wil­helm Furtwän­glers Hand­schrift her­aus, dass der Schreiber vielle­icht Reli­gion­ss­tifter ist, wahrschein­lich kein Kün­stler und keines­falls ein Musik­er.
All das ergibt eine höchst amüsante Lek­türe, einen ras­an­ten Galopp durch die Abson­der­lichkeit­en der Musik­welt. Dabei wis­sen Ulbrichs Anek­doten und Histörchen nicht nur zu unter­hal­ten, son­dern for­men in ihrer Gesamtheit ein schillern­des, musikalis­ches Panop­tikum mit zahlre­ichen Facetten. Ulbrich erzählt von Lon­don­er Straßen­musik­ern, Engadin­er Chören und musik­begeis­terten Wiener Putzfrauen, vom nieder­ländis­chen Glock­en­geläut und von ein­er Sän­gerin, die ihr Geigen­studi­um abbrechen musste, weil man das Vio­lin­spiel für eine Dame „nicht klei­dend“ fand.
Es ist ein faszinieren­der Blick hin­ter die Kulis­sen des Musik­be­triebs, wo es oft um ganz pro­fane Dinge geht, um Hon­o­rarstre­it­igkeit­en, heftige Auseinan­der­set­zun­gen (die mitunter blutig enden, wie im Fall des Geigers Gio­van­ni Giornovichi, der einem Kol­le­gen bei ein­er Rangelei die Nasen­spitze abbiss) und emanzi­pa­torische Bemühun­gen, wenn etwa die franzö­sis­che Diri­gentin Emmanuelle Haïm für ihr Ensem­ble eine Kinderkrippe sowie einen Ort zum Stillen ein­richtet. Und manch­mal find­en sich auch erstaunliche und gar nicht musikalis­che Infor­ma­tio­nen: So ent­deck­te der naturbegeis­terte Pianist Wal­ter Giesek­ing in sein­er Jugend eine sel­tene Schmetter­lingsart, die sei­ther in der Wis­senschaft mit dem etwas sper­ri­gen Beina­men „Giesekingiana“ bekan­nt ist.
Es ist ein char­mantes Büch­lein, in dem sich Hans Mar­tin Ulbrichs Begeis­terung für die Musik wie auch für die Skur­ril­itäten der Musik­welt spiegelt. Ein Büch­lein nicht nur für Musik­fre­unde, das Ulbrichs Ruf als „Denkmalpfleger von Begeben­heit­en“ aufs Aller­schön­ste unter­mauert.
Irene Binal