Barbara Balba Weber

Entfesselte Klassik

Grenzen öffnen mit künstlerischer Musikvermittlung

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Stämpfli
erschienen in: das Orchester 11/2018 , Seite 59

Die Musikver­mit­tlung ist den Kinder­schuhen entwach­sen. Orch­ester, Konz­erthäuser, Musikhochschu­len – über­all ist das The­ma inzwis­chen präsent. Die Herange­hensweisen, Musik auch neben dem klas­sis­chen Konz­er­tange­bot zu präsen­tieren, zu ver­mit­teln und zu reflek­tieren, sind vielfältig. Bar­bara Bal­ba Weber ist Musik­erin, Musikver­mit­t­lerin und Lei­t­erin des Clus­ters Musikvermittlung/Music in Con­text an der Hochschule der Kün­ste in Bern.
In ihrem Buch geht es nicht nur darum, aus einem großen eige­nen Erfahrungss­chatz Ideen, Anre­gun­gen und Handw­erk­szeug für Musikver­mit­tlung zu präsen­tieren, son­dern vor allem einen eige­nen kün­st­lerischen Anspruch der Ver­mit­tlungsar­beit her­auszuar­beit­en.
Ins­ge­samt sieben The­sen bzw. „Schritte“ und damit unmit­tel­bar verknüpfte „Exper­i­mente“ (konkrete Ver­mit­tlung­spro­jek­te mit Ablauf­plä­nen und Check­lis­ten) bilden den Schw­er­punkt des Buchs. Als Gerüst ori­en­tiert sich die Autorin an dem in den ver­gan­genen Jahren entwick­el­ten Kom­pass Musikver­mit­tlung, der auf fünf Kat­e­gorien basiert: was, warum, wie, wem ver­mit­telt wird und wer ver­mit­telt. Da geht es in These eins um kün­st­lerische Musikver­mit­t­lerin­nen, die das Sys­tem verän­dern kön­nen, in dem sie selb­st tätig sind. Will sagen: Eine pro­fes­sionelle Orch­ester­musik­erin ist per se nicht auch eine pro­fes­sionelle Ver­mit­t­lerin. Wird sie in einem Per­fo­mance-Pro­jekt für eine klas­sik­ferne Ziel­gruppe ver­mit­tel­nd tätig, agiert sie auch als Ama­teur­dich­terin, -schaus­pielerin, -kom­pon­istin etc. Am Ende erweit­ert sich nicht nur der Hor­i­zont des Pub­likums, son­dern der Musik­erin selb­st, was wiederum pos­i­tiv auf den Orch­ester­be­trieb zurück­strahlt.
In den weit­eren The­sen und Beispie­len geht es darum, wie künst­lerische Musikver­mit­t­lerin­nen aufzeigen kön­nen, dass Musik keine heilige Kuh ist (dass man also Musik­stücke bear­beit­en, verän­dern, mis­chen und in jed­wed­er Form in der Ver­mit­tlung ein­set­zen darf) oder dass Kom­ponieren ohne Schied­srichter geschieht (die Hier­ar­chie von Kom­pon­ist-Werk-Musik­er-Pub­likum wird über den Haufen gewor­fen, z.B. bei Mit­mach- und Response-Pro­jek­ten). Kün­st­lerische Musikver­mit­tlung erschaffe einen „Elfen­bein­turm mit Anbau und Aus­sicht“; ein schönes Bild dafür, wie neue Konz­ert­for­mate entste­hen, die ihrer­seits als musikalisch-soziales Gesamtkunst­werk wirken, das kreative Poten­zial des Stamm­pub­likums nutzen, aber auch neue Gesellschafts­grup­pen erre­ichen.
„Bil­dungsmusik war gestern“ lautet schließlich pro­vokant die let­zte These. War früher der Konz­ert­saal dem Bil­dungs­bürg­er­tum vor­be­hal­ten, hat­te dessen Verän­derung zum Hin­ter­fra­gen des gesamten Klas­sik­be­triebs geführt. Kün­st­lerische Musikver­mit­tlung bricht diese Gren­zen und Kat­e­gorien auf und führt zu ein­er anderen Akzep­tanz und Rel­e­vanz von Musik.
Ein sehr lesenswertes und inspiri­eren­des Buch, nicht nur für Musikver­mit­t­lerin­nen, son­dern für Profimusik­er, Diri­gen­ten und Studierende, die ihre Ver­mit­tlungskom­pe­ten­zen ent­deck­en, aus­pro­bieren und erweit­ern wollen.
Ger­ald Mertens