Strauss, Richard

Elektra

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Profil Edition Günter Hänssler PH 05022
erschienen in: das Orchester 06/2006 , Seite 87

Richard Strauss’ Elek­tra gehört zu den unge­heuer­lich­sten Werken, die je auf die Opern­bühne gehoben wur­den. Wie Strauss hier mit aus­ge­feil­ter motivis­ch­er Arbeit, frap­pieren­der Har­monik und Instru­men­ta­tion den Weg sein­er antiken und doch so mod­er­nen Heldin bis zur Raserei und Ver­nich­tung schildert, das ist kaum je übertrof­fen wor­den. Die 1905 uraufge­führte Salome lässt Elek­tra (1909, Libret­to: Hugo von Hof­mannsthal) im kom­pro­miss­losen Ein­satz aller Mit­tel deut­lich hin­ter sich. Und hätte Strauss an dieser Stelle weit­er gemacht, dann wäre er sicher­lich zu einem Pio­nier der musikalis­chen Avant­garde gewor­den.
Die gewalti­gen orches­tralen und stimm­lichen Anforderun­gen set­zen der Präsenz des Werks auf den Spielplä­nen natür­liche Gren­zen. Deshalb erscheint es einiger­maßen sin­nvoll, die Elek­tra im konz­er­tan­ten Rah­men in opti­maler Ausleuch­tung des Orch­esters aufzunehmen, wie das Semy­on Bychkov und das WDR Sin­fonieorch­ester sowie der Rund­funk­chor Köln ger­ade getan haben. Sin­nvoll: mit der Ein­schränkung freilich, dass die bild­lose Tonauf­nahme ein­er Oper zwangsläu­fig ein Tor­so bleiben muss.
Die beim Label Pro­fil in der „Edi­tion Gün­ter Hänssler“ erschienene Auf­nahme überzeugt durch eine großar­tige Orch­ester­leis­tung, eine hohe klan­gliche Trans­parenz, Dank der­er die unge­heuren Abgründe der Par­ti­tur noch markan­ter her­vor treten als etwa in der Liveein­spielung von Sei­ji Oza­wa und dem Boston Sym­pho­ny Orches­tra. Semy­on Bychkov, der das WDR Sin­fonieorch­ester seit 1997/98 leit­et und die Elek­tra schon in halb Europa dirigiert hat, behan­delt sein Ensem­ble sin­fonisch, lässt es offen und selb­st­be­wusst auf­spie­len wie in ein­er der strausss­chen Tondich­tun­gen. Und meis­tens bleibt dabei die heik­le Bal­ance zwis­chen Instru­men­tal- und Gesangsper­son­al gewahrt.
Lei­der lässt sich viel mehr Pos­i­tives über diese Auf­nahme nicht sagen, und das fängt schon beim lieb­los gestal­teten Book­let an. Dort find­et sich zwar ein Inter­view mit Semy­on Bychkov, anson­sten sind aber keine Infor­ma­tio­nen zum Werk enthal­ten. Eben­so fehlen die Hand­lung und die Angabe der einzel­nen Tracks – die Beset­zung ste­ht nur auf der Hülle, nicht aber im Bei­heft. Der Text ist schließlich nur mit ein­er Lupe gut zu lesen. Wer so nach­läs­sig mit der Form umge­ht, wird nur sel­ten Gele­gen­heit erhal­ten, durch Inhalt zu überzeu­gen.
Auch bei den Sängern sind deut­liche Abstriche zu machen: Deb­o­rah Polas­ki als Elek­tra und Felic­i­ty Palmer als Klytämnes­tra treten, bei­de deut­lich über ihrem sän­gerischen Zen­it, als große Wag­n­er-Hero­inen auf und lassen die von Strauss unbe­d­ingt geforderte Feinze­ich­nung, die Wand­lungs­fähigkeit in Stimme und Aus­druck ver­mis­sen. Wer hören will, wie pack­end und plas­tisch es klin­gen kann, wenn Elek­tra der Mut­ter Klytämnes­tra ihre Mord­pläne offen­bart, der mag zur schon erwäh­n­ten großar­ti­gen Oza­wa-Auf­nahme mit Hilde­gard Behrens und Christa Lud­wig greifen. Auch Franz Grund­he­ber tritt unter Bychkov als Orest stimm­lich zwar überzeu­gend, doch zu gewichtig auf. Immer­hin kön­nen Anne Schwanewil­ms als zart schme­ichel­nde Chrysothemis und Gra­ham Clark in der Rolle des Aegisth überzeu­gen. Doch für einen Elek­tra-Experten wie Bychkov ist das zu wenig.
Johannes Kil­lyen