Sinsch, Sandra

Einmal um die Welt

Und im Orchester in Neuseeland bleiben

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: das Orchester 04/2013 , Seite 17
Das junge Musikerehepaar Sakakushev-von Bismarck hat Berufserfahrung in Sinfonieorchestern auf drei Kontinenten gesammelt. Einblicke in das Leben zweier musikalischer Weltbürger zwischen Deutschland, Spanien, Brasilien und Neuseeland.

Geigerin Car­o­line von Bis­mar­ck und ihr Ehe­mann, der Cel­list Eli­ah Sakaku­shev-von Bis­mar­ck, sind das, was man als musikalis­che Welt­bürg­er beze­ich­nen kön­nte. Der aus Bul­gar­ien stam­mende Eli­ah hat­te zunächst in Wien studiert, set­zte seine Aus­bil­dung dann in Mannheim und an der Inter­na­tion­al Menuhin Music Acad­e­my Gstaad fort. Car­o­line startete als Jungstu­dentin am Berlin­er Julius-Stern-Insti­tut für musikalis­che Nach­wuchs­förderung und absolvierte ihr Exa­m­en schließlich an der Bern­er Hochschule der Kün­ste. Entschei­dend war für das Ehep­aar, langfristig im sel­ben Orch­ester arbeit­en zu kön­nen. Heute sind bei­de im Auck­land Phil­har­mo­nia Orches­tra in Neusee­land tätig, vor­läu­fige End­sta­tion ein­er lan­gen kün­st­lerischen Reise rund um den Globus.
Ein Zufall des Lebens? “Es ist wohl eine Mis­chung aus bewusster Entschei­dung und Zufall. Wobei es Teil mein­er Leben­sphiloso­phie ist, dass es eigentlich keine Zufälle gibt. Ich bin immer schon sehr offen für andere Kul­turen, Sprachen und Gebräuche gewe­sen. Die Über­legung, in ein aus­ländis­ches Orch­ester zu gehen, war haupt­säch­lich durch die lang­wierige Probe­spiel-Müh­le in Deutsch­land motiviert. Dadurch, dass die deutschen Orch­ester extrem viel Auswahl haben, erscheint es manch­mal sin­nvoll, sich im Aus­land ’nüt­zlich zu machen’ und dabei mehr Anerken­nung und Ent­fal­tung zu bekom­men”, sagt Eli­ah Sakaku­shev-von Bismarck.

Erste Sta­tion: Spanien
Seine erste Stelle hat Sakaku­shev-von Bis­mar­ck 2003 unmit­tel­bar nach Stu­di­en­ab­schluss als Solo­cel­list beim Orques­ta Filar­móni­ca de Mála­ga in Spanien ange­treten. Das Probe­spiel lief ähn­lich ab wie in Deutsch­land. Über die Stelle hat er sich sehr gefreut. “Ich emp­fand den Gedanken, nach Spanien zu gehen, als eine kul­turelle Bere­icherung und ganz im pos­i­tiv­en Sinne als etwas Aben­teuer­lich­es. Ich habe einen son­ni­gen und rel­a­tiv entspan­nten Lebensstil erwartet. Das hat sich auch zum Teil bewahrheit­et und es fiel mir nicht schw­er, mich an die neuen Gegeben­heit­en anzu­passen”, sagt Eli­ah.
Car­o­line zog wenige Monate später nach, nahm eine Posi­tion im gle­ichen Orch­ester an, wech­selte aber ein Jahr später zum Orques­ta de la Comu­nidad de Madrid (ORCAM), einem der Vorzeigeklangkör­p­er des Lan­des, wo sie unter Diri­gen­ten wie Fabio Bion­di oder Rudolf Barschai spielte. In Bezug auf den Arbeit­sall­t­ag im Orch­ester blieben jedoch Wün­sche offen. “Weniger erfüllt wur­den meine Erwartun­gen bezüglich der Ein­stel­lun­gen der Kol­le­gen zum Orch­ester­be­trieb, der per­sön­lichen Hingabe, aber auch des Umgangs miteinan­der. Es war festzustellen, dass das Orch­ester nicht solide genug aufge­baut war, wobei Auswahlkri­te­rien kaum ein Fun­da­ment hat­ten. Das Streben nach Qual­ität in musikalis­ch­er und men­schlich­er Hin­sicht war nur in einem Lokalkon­text von ein­heimis­chen Umgangs- und Denk­formeln zu ver­ste­hen”, fasst Sakaku­shev-von Bis­mar­ck zusam­men. Car­o­line von Bis­mar­ck ergänzt: “Ich habe die mediter­rane Lebensweise Andalusiens geliebt, kon­nte dabei aber nicht die Tat­sache ignori­eren, in welch kleinem Aus­maß die klas­sis­che Kul­tur und Werte dort zur Gel­tung kamen.” Der kul­turelle und gesellschaftliche Stan­dort eines Orch­esters ist bei­den wichtig. In Spanien, wo bei­de das inter­na­tionale Kam­mer­musik­fes­ti­val “Sefarad” grün­de­ten und Car­o­line zusät­zlich junge, begabte Stre­ich­er für die Auf­nah­meprü­fun­gen an deutschen und Schweiz­er Hochschulen vor­bere­it­ete, kon­nten und woll­ten sie diesen Man­gel nicht mehr länger kompensieren.

Zweite Sta­tion: Brasilien
Dies­mal lock­te Übersee. Eli­ah Sakaku­shev-von Bis­mar­ck sandte vor­ab eine repräsen­ta­tive Auf­nahme an das Orques­tra Sin­fôni­ca do Esta­do de São Paulo – OSESP, das Sin­fonieorch­ester des Staates São Paulo in Brasilien. Das Orch­ester lud ihn zu einem Probe­pro­jekt ein und engagierte ihn schließlich als Solo­cel­list. “Das Sin­fonieorch­ester São Paulo ist mit Abstand das kün­st­lerisch und admin­is­tra­tiv am besten entwick­elte Orch­ester, in dem ich gear­beit­et habe”, fasst Sakaku­shev-von Bis­mar­ck zusam­men. In Brasilien und Spanien ist der Orch­es­ter­di­enst ähn­lich konzip­iert wie in Deutsch­land. Die Proben­zeit­en sind nach dem Prinzip der Wochen­di­en­ste struk­turi­ert und das Orch­ester zahlt Sozial­ab­gaben wie Renten- und Kranken­ver­sicherung. Auch das dreizehnte Monats­ge­halt ist in den bei­den Län­dern üblich. Bis 2012 zahlte das Orch­ester in Madrid sog­ar noch einen extra Som­merzuschlag. In Brasilien zahlen geset­zliche Arbeits­ge­ber, zu denen auch das Sin­fonieorch­ester in São Paulo zählt, ein soge­nan­ntes “Essens­geld”, das als Gehalt­szuschlag berech­net wird. Von Dauer sollte diese Sta­tion jedoch nicht sein. “São Paulo ist die größte und reich­ste Stadt Brasiliens. Man nen­nt sie auch das New York Südamerikas. Hier war im Prinzip alles gegeben, doch die Rast­losigkeit dieser 18-Mil­lio­nen-Metro­pole mit ihren krassen gesellschaftlichen Kon­trasten und unüber­sichtlichem Verkehr war auf Dauer nichts für uns”, sagt das Ehep­aar. Es fol­gte ein kurzes “Gast­spiel” für Eli­ah in Deutsch­land, beim Phil­har­monis­chen Orch­ester Regens­burg als Solo­cel­list. Trotz­dem lock­te bald wieder die Ferne.

Dritte Sta­tion: Neusee­land
Dies­mal sollte es ganz ans andere Ende der Welt gehen, beim Auck­land Phil­har­mo­nia Orches­tra waren passende Stellen frei. Hier kon­nten die bei­den ihre Vision, gemein­sam im sel­ben Orch­ester tätig zu sein, auf Dauer ver­wirk­lichen. Nach Ein­sendung des oblig­a­torischen Videos erfol­gte die Ein­ladung zu einem “Tri­al”, der sich in Aus­tralien und Neusee­land über mehrere Wochen hinziehen kann. Anschließend fand erneut ein Probe­spiel statt, dessen Beste­hen in eine Probezeit mün­dete, deren Beste­hen die Beru­fung abseg­net.
So viele Neuan­fänge set­zen ein hohes Maß an Flex­i­bil­ität voraus. Wie hat es das Ehep­aar so schnell geschafft, sich an die jew­eils unter­schiedlichen Kul­turen, Men­tal­itäten und Lebens­for­men anzu­passen? “Die Anbindung an die ein­heimis­che Gesellschaft war schon immer eine wichtige Voraus­set­zung für uns, um im Aus­land zu arbeit­en. Anders als bei den Kol­le­gen in den neuen Orch­estern der ara­bis­chen Welt haben wir uns in Spanien, Brasilien und Neusee­land leicht und prob­lem­los in die jew­eili­gen Gesellschaften inte­gri­eren kön­nen”, sagt Car­o­line von Bis­mar­ck.
In Auck­land, wo bei­de seit 2011 tätig sind, haben sie jedoch ein von den anderen Län­dern völ­lig ver­schiedenes Orch­ester­sys­tem vorge­fun­den. Es ist das englis­che “Call Sys­tem”, bei dem zusät­zlich ein täglich­es Basis­ge­halt aus­bezahlt wird. “Das Orch­ester beschäftigt die Musik­er als freie Mitar­beit­er und zahlt dabei keine Sozial­ab­gaben und Ver­sicherun­gen. Das ist aus unser­er Sicht zwar nicht opti­mal, es gle­icht sich jedoch im Sys­tem aus”, sagt Eli­ah Sakaku­shev-von Bis­mar­ck. Sozial abgesichert sind sie trotz­dem, es gibt in Neusee­land geset­zlich freie Unfall­be­hand­lung, Haftpflicht, Ersatzgeld bei Arbeit­sun­fähigkeit, und eine Basis­renten­ver­sicherung wird vom Staat bezahlt. Das Auck­land Phil­har­mo­nia Orches­tra ist ein Kollek­tiv mit bed­ingt selb­st­ständi­ger Ver­wal­tung im Rah­men des Orch­ester­man­age­ments. Zwar wird es von Regierung und Stadt unter­stützt, muss jedoch einiges in Eigen­leis­tung stem­men. Dementsprechend liest sich auch die Spon­soren­liste, unterteilt in die Kat­e­gorien Platin, Gold, Sil­ber und Bronze. “Für das Orch­ester ist es daher beson­ders wichtig, Rück­halt in der Regierung und der Region zu haben, um die Mil­lio­nen-Metro­pole Auck­land, die zugle­ich Neusee­lands größte und reich­ste Stadt ist, bess­er bedi­enen zu kön­nen”, meint Sakaku­shev-von Bis­mar­ck. Dementsprechend bre­it gefächert sind auch die Auf­gaben.
Zu den Konz­erten, die meist live über­tra­gen wer­den, gesellen sich Bal­lett- und Oper­nauf­führun­gen. Ein region­al angepasster Ableger von El Sis­tema (dem Jugen­dorch­ester-Sys­tem Venezue­las), das den Namen Sis­tema Aotearoa trägt und sich in der musikalis­chen Bil­dung von Kindern und Jugendlichen engagiert, wurde erfol­gre­ich auf den Weg gebracht. Darüber hin­aus führt das Orch­ester ein beispiel­los bre­it gefächertes Aus­bil­dung­spro­gramm, das Orch­ester­musik an die Schulen und Schüler aller Altersstufen in den Konz­ert­saal bringt.
Das Ehep­aar hat weit über den Orch­es­ter­di­enst hin­aus in der neuen Heimat Fuß gefasst, geht ein­er aktiv­en kam­mer­musikalis­chen Tätigkeit nach und unter­richtet. Eli­ah ist derzeit Lehrbeauf­tragter an der Auck­land Uni­ver­si­ty, Car­o­line ist Tutorin im Rah­men der Sum­mer School des Auck­land String Quartet.

Zukun­ft gestal­tet man immer selb­st
Auch hier wur­den wed­er die Brück­en zur alten Heimat noch zum Musik­leben im Rest der Welt abge­brochen. Bei­de sind gefragte Kam­mer­musik­er, präsent auf Fes­ti­vals von Sibirien bis zur New York­er Carnegie Hall. Mit dem Inter­na­tionalen Kam­mer­musik­fest Schloss Won­fort, das seit neun Jahren immer am ersten Juli-Woch­enende auf dem gle­ich­nami­gen Fam­i­lien­sitz der von Bis­mar­cks stat­tfind­et, hat sich Car­o­line einen lang gehegten Traum erfüllt. “Ich bringe Musik­er und Tra­di­tio­nen ver­schieden­er Län­der zusam­men. So kön­nen wir mit Fre­un­den aus Deutsch­land und dem Aus­land in Kon­takt bleiben und gle­ichzeit­ig mit gle­ichal­tri­gen Kol­le­gen, die zum Teil führende Posi­tio­nen in deutschen Orch­estern bek­lei­den oder als Pro­fes­soren an Hochschulen tätig sind, gemein­sam Kam­mer­musik machen”, sagt sie. Die Pro­gram­matik prof­i­tiert dabei eben­so von der Welt­ge­wandtheit des kün­st­lerisch ver­ant­wortlichen Ehep­aars wie von der Tra­di­tion. Denn in der pri­vat­en Atmo­sphäre des fränkischen Schloss­es ver­anstal­tet, tra­gen die Kam­mer­musikkonz­erte und lit­er­arischen Ver­anstal­tun­gen des Bis­marck’schen Salons das Poten­zial in sich, die seit eini­gen Jahrhun­derten gepflegte Dis­tanz zwis­chen Pub­likum und Kün­stlern aufzulösen und eine inten­si­vere Beziehung aller Beteiligter untere­inan­der entste­hen zu lassen.
Nach vie­len “Wan­der­jahren” sind Car­o­line und Eli­ah in Neusee­land vor­erst angekom­men. “Man kann es nir­gend­wo per­fekt haben. Die Organ­i­sa­tion und das Fun­da­ment des deutschen Orch­ester­sys­tems sind schw­er in anderen Län­dern zu find­en, wo vieles manch­mal ‘unsta­bil’ und ‘unsich­er’ erscheint. Den­noch ist alles eine Ein­stel­lungs­frage und sehr eng mit der jew­eili­gen Lan­des­men­tal­ität ver­bun­den. Kom­pro­misse muss man immer machen, egal an welchem Ort. Aber nun wollen wir erst ein­mal dort leben, wo wir sind. Unsere Zukun­ft ist über­all dort so gut, wie wir sie gestal­ten”, zieht das Ehep­aar von Bis­mar­ck sein Resümee.