A Cathedral of Music von Caroline Luederssen

Caroline Lüderssen

Eine Kathedrale der Musik

Das Archivio Storico Ricordi

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Prestel
erschienen in: das Orchester 01/2018 , Seite 62

Die Roman­istin Car­o­line Lüder­ssen hat sich viel vorgenom­men, näm­lich eine umfassende Wür-digung des his­torischen Archivs des ital­ienis­chen Musikver­lags Ricor­di in Mai­land. In einem ersten Schritt wird ein his­torisch­er Überblick des Tra­di­tion­shaus­es geboten: von der Grün­dung 1808 bis zum Verkauf an die „Ver­lags­gruppe Ran­dom House Ber­tels­mann“ 1994, die das vor­liegende Buch auch veröf­fentlicht hat. Denn während Ricor­di 2006 weit­er­verkauft wurde, verblieb das his­torische Archiv bei Ber­tels­mann: um die wertvollen Bestände als Gesamtes zu bewahren und sicht­bar zu machen, wie zu lesen ist.Das geschieht in einem zweit­en Schritt, jeden­falls in Teilen: Hier wird eine Auswahl von Doku­menten präsen­tiert. Kein leicht­es Unter­fan­gen: Immer­hin zählt das Archiv ins­ge­samt 7800 Auto­grafe und Skizzen, Aber­tausende gedruck­te Par­ti­turen, 31000 Briefe, 10000 Libret­ti, 6000 Fotografien, Aber­hun­derte Zeitschriften und Pro­grammhefte, die voll­ständi­ge Unternehmen­sko­r­re­spon­denz von 1888 bis 1962 sowie 13500 Entwürfe zu Büh­nen­bildern, Kostü­men und Requisiten.Das erfährt man wiederum im drit­ten Teil, der eine Über­sicht des Bestandes bietet. Schon damit wird klar, welche über­ra­gende Bedeu­tung das Ricor­di-Archiv für die Forschung und Prax­is hat. Zahllose Bere­iche des Musik­lebens lassen sich ergrün­den: vom Ver­lags­geschäft über Fra­gen der Rezep­tion und Pub­lizis­tik bis hin zum indi­vidu­ellen Arbeit­sprozess von Kom­pon­is­ten. Let­ztere sind ein Who’s who der ital­ienisch-europäis­chen Musikkul­tur. Dabei spielt keineswegs nur das Opern­schaf­fen eine zen­trale Rolle, son­dern eben­so die zeit­genös­sis­che Instrumentalmusik.Das Buch will sehr viel, vielle­icht zu viel – und kann im Grunde jew­eils nur Schlaglichter auf die einzel­nen Aspek­te wer­fen. Eine straf­fere Selek­tion wäre in manchen Teilen fra­g­los lohnenswert gewe­sen.
Im his­torischen Überblick gäbe es jeden­falls Kürzungspoten­ziale. Mit dem Platz hät­ten weit­ere Ablich­tun­gen hand­schriftlich­er Par­ti­turen aufgenom­men wer­den kön­nen. Sie sind der Clou dieses Buch­es, weil es faszinierend ist und erhel­lend, wie große Per­sön­lichkeit­en große Musik auf dem Papi­er jew­eils entwer­fen, darunter Giuseppe Ver­di, Lui­gi Nono, Gia­co­mo Puc­ci­ni, Gio-achi­no Rossi­ni, Ottori­no Respighi, Johann Simon Mayr, Syl­vano Bus­sot­ti oder Ste­fano Ger­va­soni. Eine „Kathe­drale der Musik, einzi­gar­tig in der Welt“ nan­nte Luciano Berio das Ricor­di-Archiv. Umso zielführen­der wäre eine mehrbändi­ge Pub­lika­tion gewesen.Dafür aber ist ein schmuck­er Band mit vie­len wertvollen Bild­doku­menten her­aus­gekom­men, in dem sich genussvoll stöbern lässt. Dabei legt das Buch auch den Fin­ger in eine tiefe Wunde, denn: Seit den 1990er Jahren, zumal unter Sil­vio Berlus­coni, hat Ital­ien eine beispiel­lose Zer­störung des eige­nen Musikerbes erlebt, samt Schließun­gen oder Fusio­nen von Orch­estern und Opern­häusern. In dieses trau­rige Szenario rei­ht sich das Ende von Ricor­di als eigen­ständi­ges Unternehmen ein. So ist dieses Buch,
gewollt oder nicht, auch eine Mah­nung.
Mar­co Frei