Clemens Hellsberg

Eine glückhafte Symbiose

Die Wiener Philharmoniker und die Salzburger Festspiele

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Residenz, Salzburg/Wien
erschienen in: das Orchester 07-08/2018 , Seite 54

Im Jahr 2020 feiern die Salzburg­er Fest­spiele ihr 100-jähriges Beste­hen. Im Res­i­denz-Ver­lag ist eine ganze Schriften­rei­he geplant, die the­ma­tisch darauf hin­führen soll. Das erste, kom­plett zweis­prachige Buch (deutsch, englisch) von Clemens Hells­berg unter­sucht die enge Beziehung zwis­chen den Wiener Phil­har­monikern und dem Fes­ti­val – von der Vorgeschichte bis zur Inten­danz von Markus Hin­ter­häuser 2017.
Hells­berg, lange Jahre (1980–2016) Geiger, Orch­ester­ar­chivar und -vor­stand der Wiener Phil­har­moniker, ist dicht dran an der Materie und ver­an­schaulicht die gelegent­lich abschweifende Abhand­lung mit vie­len Quellen, die mit Fußnoten verse­hen sind. Die Nähe zum The­ma ist nicht immer von Vorteil, beson­ders wenn Hells­berg ab der Inten­danz von Peter Ruz­ic­ka von ein­er neu­tralen Erzählpo­si­tion in die Wir-Form des Orch­ester­vor­stands wech­selt, dem er seit 1997 ange­hörte.
Ab dann wird auch inhaltlich seine Beschäf­ti­gung mit den Salzburg­er Fest­spie­len zu ein­er sub­jek­tiv­en Angele­gen­heit. Dass im Ruz­ic­ka-Kapi­tel „Die Kraft des Geistes“ auch Hells­berg­ers Lau­da­tio auf den von ihm verehrten Inten­dan­ten abge­druckt ist, ver­wun­dert genau­so wie seine deut­lich neg­a­tive Bilanz der fol­gen­den Jahre von Ger­ard Morti­er, der nach der Ära Kara­jan dem Fes­ti­val unbe­strit­ten wichtige kün­st­lerische Impulse ver­lieh. Die im Vor­wort ver­sproch­ene „Bemühung um Objek­tiv­ität“ ist hier nicht mehr zu spüren.
Ein vorgeschal­tetes Kapi­tel des His­torik­ers Robert Hoff­mann mit dem Titel „Vom Mozart­denkmal zur Fest­spiel­grün­dung“ unter­sucht die his­torisch gewach­sene Verbindung der 1842 gegrün­de­ten Wiener Phil­har­moniker mit Salzburg, die dort 1877 ihr allererstes Konz­ert außer­halb von Wien gaben. Auch zu den acht Salzburg­er Musik­festen (bis 1910) wurde das Orch­ester regelmäßig engagiert.
Zur Grün­dung der Salzburg­er Fest­spiele und den schwieri­gen Anfangs­jahren liefert Hells­berg viel Detail­wis­sen. Die kurze Glanzzeit unter Arturo Toscani­ni, der nicht nur Ver­di-Opern durch­set­zte („Kein Fal­staff, kein Toscani­ni“), wird erhel­lend gestreift; die hochproblema­tische Geschichte des Orch­esters in der NS-Zeit ist rel­a­tiv knapp, aber ohne jede Beschöni­gung dargestellt. 48 Prozent NSDAP-Mit­glieder und zahlre­iche Pro­pa­gan­da-Auftritte zeigen die enge Verquick­ung mit dem Mach­tap­pa­rat. Im Kara­jan-Kapi­tel betont Hells­berg dessen Ein­satz für die musikalis­che Mod­erne und das neue, am 26. Juli 1960 eröffnete Fest­spiel­haus.
Auch die zahlre­ichen Machtkämpfe bleiben nicht uner­wäh­nt. Die Inten­dan­ten Jür­gen Flimm und Alexan­der Pereira wer­den kri­tisch betra­chtet, Markus Hin­ter­häuser dage­gen „überzeugte auf Anhieb mit einem eben­so klug struk­turi­erten wie sen­si­bel aus­tari­erten Gesamt­pro­gramm“. Ein Bildteil in der Buch­mitte mit Briefen von Diri­gen­ten, alten Fes­ti­valplakat­en und Insze­nierungs­fo­tos ergänzt den Überblick, der zu dem etwas hol­prig for­mulierten Schluss kommt: „Die Salzburg­er Fest­spiele sind ein Teil der Wiener Phil­har­moniker, die ihrer­seits ein Teil der Iden­tität der Fest­spiele sind.“
Georg Rudi­ger