Brem, Peter

Ein Leben lang erste Geige

Meine Zeit bei den Berliner Philharmonikern

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Rowohlt, Reinbek 2016
erschienen in: das Orchester 12/2016 , Seite 56

Im August 1970, im Alter von 18 Jahren, bestand der Geiger Peter Brem das Probe­spiel bei den Berlin­er Phil­har­monikern. 46 Jahre lang spielte er danach im Orch­ester, erlebte berühmte Diri­gen­ten und mit ihnen auch bedeu­tende Sta­tio­nen der jün­geren Orch­estergeschichte. Vor allem von dieser erleb­nis­re­ichen Zeit han­delt dieser Band und richtet sich dabei weniger an Spezial­is­ten, denn an jene Musik­fre­unde, die sich inter­essieren für „hinge­tupfte Inter­mezzi, Gedanken über Musik, Anek­doten über die Men­schen, die sie machen, über die Lei­den­schaften, die sie antreiben“, die sich aber auch für Noti­zen „über die geschäftliche und medi­ale Seite“ des Betriebs erwär­men kön­nen. Kurz: Brem erzählt „Geschicht­en für alle, die gern einen Blick hin­ter die Bühne wer­fen“ wür­den.
Fol­glich teilt der Geiger viel von der All­t­agsrou­tine mit, die mit dem Dienst im Orch­ester verknüpft ist, er richtet seinen Blick auf das, was dem Pub­likum nor­maler­weise ver­bor­gen bleibt – und lässt den Leser dadurch an seinem ereig­nis- und erleb­nis­re­ichen Musik­er­leben teil­haben. Am Beginn ste­ht Brems Schilderung des Weges, der ihn zu den Berlin­er Phil­har­monikern geführt hat: Hier spricht er vom frühen Geige­nun­ter­richt und sein­er Zeit als Jungstu­dent am Münch­n­er Richard-Strauss-Kon­ser­va­to­ri­um, berichtet vom Probe­spiel und den hohen Anforderun­gen, die er dabei zu bewälti­gen hat­te. Und er schildert die ersten Ein­drücke, die ihn während sein­er Probezeit unter Her­bert von Kara­jan förm­lich über­wältigten, sodass er „regel­recht erschüt­tert“ gewe­sen sei. Den ger­ade hier vorherrschen­den, schwärmerischen Ton­fall verzei­ht man dem Autor gern, weil das Geschriebene trotz der Emphase danach wieder zur sach­lichen Schilderung zurück­kehrt.
So befasst sich Brem im zweit­en Teil aus­führlich mit den Diri­gen­ten, unter denen er während sein­er Kar­riere als Orch­ester­musik­er gespielt hat, steuert inter­es­sante Details zu Konz­ertreisen unter Kara­jan bei, be­leuchtet aber auch dessen Proben­strate­gien und das enorme Kon­trollbedürf­nis bei Videoaufze­ich­nun­gen. Eben­so würdigt Brem die kün­st­lerische Arbeit von Clau­dio Abba­do und die damit verknüpfte Annäherung an ein jün­geres Reper­toire und kommt schließlich auf die Verän­derung der organ­isatorischen Struk­turen zu sprechen, die sich unter dem „Kom­mu­nika­tion­s­ge­nie“ Simon Rat­tle ereigneten und unter anderem zur Entwick­lung des Edu­ca­tion-Pro­gramms führten.
Es ist ein beson­deres Ver­di­enst des Autors, dass er im drit­ten Teil aus Per­spek­tive des Musik­ers auch all­ge­meinere The­men anschnei­det, darunter die Wand­lun­gen von Pub­likumsstruk­tur und medi­alen Bedin­gun­gen, die in den zurück­liegen­den Jahren zur Entwick­lung der Dig­i­tal Con­cert Hall geführt haben, aber auch die Notwendigkeit der Präsenz in sozialen Net­zw­erken. Dass dies alles zudem in einem schö­nen, flüs­si­gen Stil geschrieben ist, macht den Band zu ein­er angenehmen, empfehlenswerten Lek­türe.
Ste­fan Drees