Kurt Weill/Ogden Nash

Ein Hauch von Venus

Staatsoperette Dresden, Ltg. Peter Christian Feigel

Rubrik: CDs
Verlag/Label: HitsQuad Records
erschienen in: das Orchester 07-08/2020 , Seite 71

Broad­way in Dres­den“ ste­ht auf der CD, aber das Orch­ester der Staat­sop­erette Dres­den braust los wie die Kol­le­gen der Säch­sis­chen Staatskapelle bei Strauss’ Ägyp­tis­ch­er Hele­na. Mehrfach kracht ein das Erscheinen der Liebesgöt­tin beglei­t­ende Jin­gle in den New York­er All­t­ag. Doch – wie auch anders bei Kurt Weill! – nimmt das musikalis­che Geschehen in dessen nach der Urauf­führung 1943 mit 567 Vorstel­lun­gen größtem Musi­caler­folg am Broad­way eine über­raschende Wen­dung.
Nach Leonard Bern­steins Won­der­ful Town war One Touch Of Venus im Kraftwerk Mitte eine weit­ere Hom­mage an das ältere amerikanis­che Musi­cal – und wieder in deutsch­er Sprache (Über­set­zung: Roman Hinze). Ein „geiles“ Stück für die Über­gabe des Inten­danz-Zepters von Wolf­gang Schaller an Kathrin Kon­dau­row, die nach und nach jene Insze­nierun­gen, die vor­mod­erne Geschlechter­rollen betonieren, aus dem Spielplan ver­ban­nen will. Aber mit gen­der­nor­ma­tivem Schubladen kommt man ein­er echt­en Liebesgöt­tin nicht bei. Denn Weills Venus will selb­st­bes­timmtes Voll­weib sein, darf das in der von Dop­pel­moral und Spießigkeit geprägten Stadt­bevölkerung Man­hat­tans aber nicht. Aus der ver­schwindet Venus lieber, als ihr ein Alb­traum den bevorste­hen­den Vorort-Mief mit Gril­l­aben­den, Abwasch und Klein­wa­gen in die Ohren dröh­nt. Johan­na Spantzel ist ein noch größeres Wun­der als die von einem tollen Ensem­ble-Geist beflügelte Ein­spielung: Die Dialoge sitzen, haben Span­nung und Esprit und sie gleit­en ide­al­typ­isch in die Songs oder entsprin­gen diesen. Spantzel mimt nichts weniger als eine kapriz­iöse oder coole Diva auf dem Eis­berg wie die zuerst als Urauf­führungs­be­set­zung vorge­se­hene Mar­lene Diet­rich. Sie verkör­pert einen ide­alen Frauen­typ, dem das Ver­führen und Koket­tieren und Lieben und Begehren und geschlechtliche Vere­ini­gen eine Freude ist, aber nicht Zwang durch patri­ar­chale Unter­drück­ung. Ihr Gegenüber: Jan­nik Harneit als Friseur Rod­ney, der mit diesem Wun­der an Frau eben­so wenig umge­hen kann wie Elsa von Bra­bant mit Lohen­grin. Unheim­lich sym­pa­thisch agiert Harneit – etwas ver­spielt und etwas ver­peilt. Deshalb kann es nur musikalis­ches Konzept sein, wenn Peter Chris­t­ian Feigel bei aller weil­laffinen Bril­lanz in dem betören­den „Sprich leis“ doch nicht zu diesem in den Eingewei­den vib­ri­eren­den Groove vor­dringt, den dieser Song haben kön­nte. Das Stil- und Sujet-Chamäleon Weill zeigt sich hier von sein­er sub­tilen Seite und deshalb braucht es nicht nur Genre-Ken­nt­nisse, son­dern auch Sen­si­bil­ität für die feinen Knicke der musikalis­chen Topografie. Diese hört man. Dazu sind alle Fig­uren haarscharf getrof­fen, aber nicht flach. Volle Fahrt voraus von Chris­t­ian Gry­gas und Win­nie Böwe. Auch der Chor hat und macht Spaß (geleit­et von Thomas Runge). Vor­sicht den­noch: Für plaka­tive Gen­der-Diskurse ist dieser Weill zu anspruchsvoll. Denn der Spaß hört dann auf, wenn eine echte Liebesgöt­tin zwis­chen Muse­um und Psy­chi­ater-Couch unnötiger­weise Zeit ver­liert. Dieses Desaster ist für Hör­er allerd­ings ein großes Vergnü­gen.
Roland Dip­pel