Lajos Lencsés

Ein denkendes Schilfrohr

Memoiren, mit DVD

Rubrik: Buch
Verlag/Label: Bayermusicgroup
erschienen in: das Orchester 06/2020 , Seite 62

Die fabel­hafte Welt des großar­ti­gen ungarischen Obois­t­en Lajos Lenc­sés ist reich an Musik, Kun­st, Lit­er­atur und Begeg­nun­gen. Hand­schriftlich hat er zehn Jahre lang Begeben­heit­en aus seinem Leben, kleine Geschicht­en und Gedichte niedergelegt. Nun hat er unter dem Titel Ein denk­endes Schil­frohr – angelehnt an ein Gedicht von Blaise Pas­cal – seine Mem­oiren veröf­fentlicht. Voller Wehmut erzählt Lenc­sés von seinen Wurzeln im Bergdorf Dorog, wo das Schweineschlacht­en ein Großereig­nis war und wo er als Neun­jähriger in der Bergmannskapelle gespielt hat. Nach seinem Musik­studi­um am Béla-Bartók-Kon­ser­va­to­ri­um zog es Lenc­sés nach Paris, weil er „inten­siv und frei“ leben wollte. Der Preis beim „Con­cours de Genève“ ebnete ihm den Weg über die west­fälis­che Prov­inz bei der Phil­har­mo­nia Hun­gar­i­ca zu sein­er musikalis­chen Heimat, dem Radio-Sin­fonieorch­ester Stuttgart. Fast vier Jahrzehnte war er dort als Solo-Oboist ein Stern des Orch­esters. Musikalis­che Neugierde war für ihn Antrieb, nach unbekan­nten Werken für sein Instru­ment zu suchen. Ganze Gen­er­a­tio­nen von Musik­studieren­den ver­danken Lajos Lenc­sés durch seine Ent­deck­un­gen einen Reich­tum an musikalis­ch­er Energie. Diese spürt man beim Anschauen der zum Buch gehöri­gen DVD, der Konz­ert­mitschnitt ist eine großzügige Beiga­be. Den Diri­gen­ten, die sein Leben geprägt haben, wid­met er ganze Abschnitte: Roger Nor­ring­ton, „Bio-Diri­gent, alles naturbe­lassen ohne Geschmacksver­stärk­er“, oder Neville Mar­riner, Edel­tech­niker und Feingeist. Karl Böhm (welch­er Musik­er kam schon mit diesem Diri­gen­ten zurecht?) hinge­gen ist für ihn „als Denkmal krachend vom Sock­el gefall­en“. Voller Erfurcht beschreibt er seinen väter­lichen Fre­und Sergiu Celi­bidache. Von der ersten Probe an hat ihn Celi­bidache mit seinem Vor­na­men ange­sprochen, Lajos war ohne jede Anbiederung ein­er sein­er Lieblinge. Viel­seit­igkeit, Offen­heit und Herzenswärme zeich­nen dieses Buch aus. Aus Holz ist sein Instru­ment, deshalb bere­ichert Lenc­sés seine Lebenserin­nerun­gen durch ein­drucksvolle Farb­fo­tos von Bäu­men. Dadurch ver­lei­ht er seinen Schilderun­gen visuelle Ruhep­unk­te. Seinem Orch­ester war Lenc­sés treu. „Ich hätte nie bei den Berlin­ern gespielt. Ich hätte ja gar nicht gewusst, was ich da spie­len muss.“ Umso trau­riger ist er über die Fusion mit dem Zwill­ing­sor­ch­ester aus Freiburg. Teodor Cur­rentzis schätzt er sehr, die Zer­störung der Iden­tität bei­der Orch­ester durch die Zusam­men­le­gung ist für Lenc­sés jedoch eine kul­tur­poli­tis­che Sünde. Am Schluss sein­er Erin­nerun­gen denkt er auch über seinen Tod nach. Lajos Lenc­sés würde am lieb­sten als Musik­er wiederge­boren wer­den. Und dann nochmal „mit offe­nen Augen, Ohren und Herzen“ leben. Dankbarkeit und vor allem die Liebe zu seinem unglaublich reichen Leben machen dieses wun­der­schöne Buch lesenswert und zu einem Geschenk.
Hol­ger Simon