Patrick Dinslage

Edvard Grieg und seine Zeit

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Laaber
erschienen in: das Orchester 1/2019 , Seite 63

Dur oder Moll? Der Meister war sich selbst nicht ganz schlüssig darüber, welchen Weg die norwegische Volksmusik zuweilen beschreitet. Dennoch schöpfte er mit Begeisterung daraus. Und so bleibt auch er, der den „norwegischen Volkston“ zu kunstvollen, höheren Weihen geführt, verwandelt und veredelt hat, oft im Zwielicht der Tongeschlechter. Das Ergebnis: eine nahezu unverwechselbare Klangsprache. Die Rede ist von keinem Geringeren als von Edvard Grieg.
Die Schrift von Patrick Dinslage ist nicht nur eine detailreiche Bestandsaufnahme von Leben und Werk des Komponisten, sondern gleichzeitig auch eine Sammlung von Ehrerbietungen, die Grieg zu Lebzeiten europaweit in Form von Auszeichnungen und Ehrenmitgliedschaften erfahren hat. Denn man würde die Geltung Griegs zu Unrecht reduzieren, wollte man den Komponisten schlicht als Volkstonverwandler bezeichnen.
Patrick Dinslage ist ausgewiesener Grieg-Spezialist und langjähriger Leiter der Grieg-Forschungsstelle, die nach Gründung in Münster und Verlegung nach Berlin nun in Leipzig ansässig ist, wo Grieg in jungen Jahren seine musikalischen Studien absolvierte. Der Autor bereitet auf, wie Grieg mit den Entwicklungen der spätromantischen mitteleuropäischen Musiksprache mitgeht. Und der Musikwissenschaftler befreit Grieg aus dem Korsett des vielberufenen „Meisters der kleinen Form“, indem er ihn auch als Könner des großen Gefüges darstellt, ohne ihm die Meisterschaft für das poetische Kurzstück zu nehmen.
Solch ein Buch mit seinen vielen Querverweisen und zusammenhangstiftenden Stücken Zeitgeschichte, lebendig illustriert mit Briefzitaten des Meisters selbst und Schriftstücken seiner Zeitgenossen, kann man nur schreiben, wenn man viel berufliche Lebenszeit mit dem Thema verbracht hat. Detailreiche Werkanalysen verknüpft Dinslage anschaulich mit biografischen Ereignissen, gesellschaftlichen, aber auch kulturtraditionellen Aspekten, sodass man unbedingt weiterlesen möchte, ist man einmal in den Grieg’schen Kosmos eingetreten. Der Leser lernt Edvard Grieg als einen selbstkritischen Kunstschaffenden kennen, bekommt sogar Einblick in seine sorgfältig geführten Haushaltsbücher, die mehr als nur Kassenabrechnungen sind und vielmehr zum Teil qualitativ gleichwertig mit Tagebüchern von seinem Lebensstil zeugen.
In diesem Buch wird höchst wissenschaftlich analysiert, über die Entstehung grundlegender Werke berichtet, aber auch erzählt von Grieg als Mensch. Er war umtriebig, reiste viel in Europa umher, feierte Erfolge und war immer wieder ein Zweifelnder, aber auch ein humorvoller Menschenfreund: Einmal schenkte er einem Freund im Gegenzug für dessen Gastfreundschaft einen Flügel.
Ein umfangreicher und mit erläuternden Texten versehener Bildteil rundet schließlich die verschriftlichte Künstler- und Lebensgeschichte des norwegischen Meisters optisch ab. Die Geschichte eines Skandinaviers, der an der Seekrankheit litt und der es nie persönlich bis nach Amerika schaffte, dort aber in Zeitschriften als Musikschriftsteller präsent war, wird lebendig.
Sabine Kreter