Czernowin, Chaya

Duo Leat

für zwei Bassklarinetten in B, Partitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz 2016
erschienen in: das Orchester 09/2016 , Seite 62

Die inter­na­tion­al bekan­nte, 1957 in Haifa geborene Kom­pon­istin Chaya Czer­nowin, die 2009 einem Ruf auf die Wal­ter-Bigelow-Rosen-Pro­fes­sur an der Har­vard Uni­ver­si­ty fol­gte, hat beim Kom­ponieren stets das gesamte Klangspek­trum der jew­eili­gen Instru­mente im Blick. Geräuschhaftes, ver­frem­dende Spiel­tech­niken und die Extreme der dynamis­chen Skala sind dom­i­nante Aus­drucksmit­tel, oft auch ergänzt durch elek­tro­n­is­che Klänge.
Als Auf­tragswerk des öster­re­ichis­chen Klar­inet­ten-Duos Stump-Lin­shalm, das befre­un­dete Kom­pon­is­ten um kurze Kom­po­si­tio­nen für zwei Klar­inet­ten bat, die dann als Short­Cuts auf CD veröf­fentlicht wur­den, ist 2009/10 das nur zweiein­halb­minütige Duo Leat (Langsames Duo) für zwei Bassklar­inet­ten ent­standen.
Chaya Czer­nowin hat sich für eine Duo-Konzep­tion entsch­ieden, die die Übere­in­stim­mung der Duo-Part­ner bevorzugt, aber im For­mver­lauf nicht auf Kon­traste verzichtet. Das Duo begin­nt in hoher Lage mit eini­gen zarten, sehr leisen Glis­san­di, die mit Luft­geräuschen kom­biniert wer­den und dann zum Unisono bzw. zu Oktavierun­gen führen. Die untere Stimme löst sich davon und set­zt Mul­ti­phon­ics-Tremoli mit ansteigen­der Dynamik dage­gen, während der Ton der Ober­stimme zur Flat­terzunge überge­ht.
Nach ein­er zweit­en ähn­lichen, etwas verdichteten Phase mit erweit­ertem Ton­raum über­rascht ein plöt­zlich­er gemein­samer fff-Aus­bruch mit wech­sel­seit­ig ver­schobe­nen Crescen­di und Decrescen­di, um die extreme Laut­stärke aufrecht­zuerhalten. Die näch­ste Phase begin­nt mit Klap­pen und Luft­geräuschen in tiefer Lage, die von sphärischen Mul­ti­phon­ics abgelöst wer­den, ehe sich der näch­ste, noch extremere Aus­druck­swech­sel ereignet, der die Part­ner im ffff auf dem zweit­tief­sten Ton der Bassklar­inette (cis) vere­inigt, bevor sich die Duo-Part­ner nach einem Sprung in die höheren Regio­nen mit einem Klang­far­ben-Triller wieder in die tief­sten Regio­nen der Bassklar­inette begeben und rhyth­misch min­i­mal ver­set­zt mit nochma­ligem Dynamik­wech­sel mit dem tief­sten Ton © das Duo fast har­monisch been­den.
Das hochkonzen­tri­erte Duo Leat ver­mit­telt den Ein­druck von sich sehr nah­este­hen­den Indi­viduen, die am Ende fast zu ein­er Ein­heit ver­schmelzen: ein Abbild des Duo-Paares Petra Stump und Heinz-Peter Lin­shalm.
Herib­ert Haase