Jörg Widmann

Drittes Labyrinth/Polyphone Schatten

Sarah Wegener (Sopran), Christophe Desjardins (Viola), Jörg Widmann (Klarinette), WDR Sinfonieorchester, Ltg. Heinz Holliger/Emilio Pomàrico

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Wergo
erschienen in: das Orchester 1/2019 , Seite 72

„In dem Moment, wo ich einen Klang notiere, atme ich ein und stel­le mir den physischen Vorgang vor. Ein Ton ist für mich ein Lebewesen“, zitiert das Beiheft den Klarinettisten, Komponisten und Dirigenten Jörg Widmann. Dies – und dass er Klänge noch mit der Hand notiert, statt eine Schreibtastatur zu bedienen, und Töne nicht wie Schachfiguren umherschiebt – zeigt seine Verbundenheit mit dem Tondenken und -fühlen vergangener Zeiten.
Die beiden vom WDR eingespielten Orchesterstücke sind jeweils Teil eines größeren Zyklus. Beide Male arbeitet Widmann mit Orchestergruppen. In Polyphone Schatten (2001), Untertitel „Lichtstudie II“, stehen ihnen zwei Instrumentalsolisten (Viola, Klarinette) gegenüber. In Drittes Labyrinth (2013/14) tritt ihnen ein Solosopran als Protagonistin gegenüber.
„Flüchtig, schattenhaft“ lautet die Spielanweisung der polyfonen Schattenstudie (wobei der Komponist noch „quasi improvisando“ hätte dazuschreiben können). Das ganze Stück, dessen Interpretation durch die Mitwirkung des Komponisten als Klarinettist und seines mitverschworenen Bratschisten Christophe Desjardins in hohem Grade authentisch wirkt, erinnert weniger an eine Skulptur als an Action Paintings von Jackson Pollock: zwölf Minuten Partikelgestöber, von Heinz Holliger kunstsinnig gelenkt, körnig, splitternd, amorph wie Gneis.
In abgehobenere Sphären führt das Dritte Labyrinth für Sopran und Or­chestergruppen. Eine Chimäre durchschreitet ein imaginäres Labyrinth und führt dabei ein Zwiegespräch mit einer männlichen Gestalt – so deutet der Komponist seine acht Klangszenen plus Exposition. Was die Sängerin zu produzieren hat, widerspricht jeglichem Belcanto. Widmann legt ihr kurzatmige Voka­lisen in den Mund, blubbernde Luft- und Lippengeräusche, Glissando-Schreie, leises Summen, „spöttisches Höllengelächter“, hochvirtuos. Staunenswert ist die Technik Sarah Wegeners, vom Brust- ins Kopf- und vom Kopf- ins Pfeifregister überzu­gleiten – ohne die mindeste Bruchkante. Aber auch das WDR Sinfonieorchester unter der Leitung von Emilio Pomàrico, einem Meisterschüler Celibidaches, leistet Unerhörtes.
„Komm“ ist das erste vernehmliche Wort der Sopranistin („dringlich, lockend, intensiv, verschwörerisch“). Beim endlichen „Komm zurück“ scheint sich die imaginäre Szene zu öffnen, versetzt mit Klagefragmenten aus Nietzsches Dionysos-Dithyramben. Erotisch angehaucht nach hysterischem Kauderwelsch: ihr liebestod-süchtiges „Triff! Stich tiefer! Stich!“ Eine surrealistische Szene, irgendwie an Schönbergs Monodram Erwartung erinnernd.
Mit hinein spielt „Das Haus des Asterion“ des argentinischen Schriftstellers Jorge Louis Borges aus dessen Erzählband Labyrinthe. Daher das kahl silbenskandierte Wort „As-te-ri-on“ gegen Ende des Stücks. Es markiert den Wendepunkt des Psychodramas, während die Sängerin das Orchesterpodium betritt und die gedachte Figur des Minotaurus beschwört („Gib mir, ergib mir dich“). Ihr gilt die finale Sentenz: „Ich bin dein La-by-rinth.“ Na denn.
Lutz Lesle