Jörg Widmann

Drittes Labyrinth/ Polyphone Schatten

Sarah Wegener (Sopran), Christophe Desjardins (Viola), Jörg Widmann (Klarinette), WDR Sinfonieorchester, Ltg. Heinz Holliger/Emilio Pomàrico

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Wergo WER 7369 2
erschienen in: das Orchester 02/2019 , Seite 69

In dem Moment, wo ich einen Klang notiere, atme ich ein und stel­le mir den physis­chen Vor­gang vor. Ein Ton ist für mich ein Lebe­we­sen“, zitiert das Bei­heft den Klar­inet­tis­ten, Kom­pon­is­ten und Diri­gen­ten Jörg Wid­mann. Dies – und dass er Klänge noch mit der Hand notiert, statt eine Schreib­tas­tatur zu bedi­enen, und Töne nicht wie Schachfig­uren umher­schiebt – zeigt seine Ver­bun­den­heit mit dem Ton­denken und -fühlen ver­gan­gener Zeit­en.
Die bei­den vom WDR einge­spiel­ten Orch­ester­stücke sind jew­eils Teil eines größeren Zyk­lus. Bei­de Male arbeit­et Wid­mann mit Orch­ester­grup­pen. In Poly­phone Schat­ten (2001), Unter­ti­tel „Licht­studie II“, ste­hen ihnen zwei Instru­men­tal­solis­ten (Vio­la, Klar­inette) gegenüber. In Drittes Labyrinth (2013/14) tritt ihnen ein Soloso­pran als Pro­tag­o­nistin gegenüber.
„Flüchtig, schat­ten­haft“ lautet die Spielan­weisung der poly­fo­nen Schat­ten­studie (wobei der Kom­pon­ist noch „qua­si impro­visan­do“ hätte dazuschreiben kön­nen). Das ganze Stück, dessen Inter­pre­ta­tion durch die Mitwirkung des Kom­pon­is­ten als Klar­inet­tist und seines mitver­schwore­nen Bratschis­ten Christophe Des­jardins in hohem Grade authen­tisch wirkt, erin­nert weniger an eine Skulp­tur als an Action Paint­ings von Jack­son Pol­lock: zwölf Minuten Par­tikelgestöber, von Heinz Hol­liger kun­stsin­nig gelenkt, körnig, split­ternd, amorph wie Gneis.
In abge­hobenere Sphären führt das Dritte Labyrinth für Sopran und Or­chestergruppen. Eine Chimäre durch­schre­it­et ein imag­inäres Labyrinth und führt dabei ein Zwiege­spräch mit ein­er männlichen Gestalt – so deutet der Kom­pon­ist seine acht Klangszenen plus Expo­si­tion. Was die Sän­gerin zu pro­duzieren hat, wider­spricht jeglichem Bel­can­to. Wid­mann legt ihr kurzat­mige Voka­lisen in den Mund, blub­bernde Luft- und Lip­pengeräusche, Glis­san­do-Schreie, leis­es Sum­men, „spöt­tis­ches Höl­len­gelächter“, hochvir­tu­os. Staunenswert ist die Tech­nik Sarah Wegen­ers, vom Brust- ins Kopf- und vom Kopf- ins Pfeifreg­is­ter überzu­gleiten – ohne die min­deste Bruchkante. Aber auch das WDR Sin­fonieorch­ester unter der Leitung von Emilio Pomàri­co, einem Meis­ter­schüler Celi­bidaches, leis­tet Uner­hörtes.
„Komm“ ist das erste vernehm­liche Wort der Sopranistin („dringlich, lock­end, inten­siv, ver­schwörerisch“). Beim endlichen „Komm zurück“ scheint sich die imag­inäre Szene zu öff­nen, ver­set­zt mit Klage­frag­menten aus Niet­zsches Dionysos-Dithyra­m­ben. Ero­tisch ange­haucht nach hys­ter­ischem Kaud­er­welsch: ihr liebestod­süchtiges „Triff! Stich tiefer! Stich!“ Eine sur­re­al­is­tis­che Szene, irgend­wie an Schön­bergs Mon­odram Erwartung erin­nernd.
Mit hinein spielt „Das Haus des Aste­r­i­on“ des argen­tinis­chen Schrift­stellers Jorge Louis Borges aus dessen Erzählband Labyrinthe. Daher das kahl sil­ben­skandierte Wort „As-te-ri-on“ gegen Ende des Stücks. Es markiert den Wen­depunkt des Psy­chodra­mas, während die Sän­gerin das Orch­ester­podi­um betritt und die gedachte Fig­ur des Mino­tau­rus beschwört („Gib mir, ergib mir dich“). Ihr gilt die finale Sen­tenz: „Ich bin dein La-by-rinth.“ Na denn.
Lutz Lesle