Ludwig van Beethoven

Drei Quartette

für Klavier, Violine, Viola und Violoncello WoO 36, Urtext, hg. von Leonardo Miucci, Partitur/Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Bärenreiter
erschienen in: das Orchester 09/2020 , Seite 87

Passend zum Jubiläumsjahr hat der Bärenreiter Verlag eine hervorragende, wissenschaftlich fundierte Edition der drei frühen Klavierquartette WoO 36 von Ludwig van Beethoven herausgegeben. Diese Werke des damals erst 15-jährigen Jubilars geben einen Einblick in die Welt der kompositorischen Lehrjahre des großen Meisters. Es zeigen sich Beziehungen zu seinen früheren Kompositionen, beispielsweise den drei Kurfürstensonaten und zu anderen Werken, vor allem manchen späteren Klaviersonaten, in welchen verschiedene Themen oder Satztypen aus den Klavierquartetten aufgegriffen und weiterverarbeitet wurden.
Und natürlich sind diese Kompositionen ebenfalls ein Dokument der historischen Einflüsse, einerseits der damaligen Lehrer Christian Gottlob Neefe und Franz Anton Ries, und andererseits seines damaligen großen Vorbilds Wolfgang Amadeus Mozart und hier speziell von dessen drei Violinsonaten KV 296, 379 und 380.
Das ausführliche Vorwort des Herausgebers Leonardo Miucci gibt einen profunden Einblick in diesen historischen Kontext. Zudem sind viele interessante Originalzitate von Mozart und von Quantz enthalten, vor allem was die Beschaffenheit und klanglichen Möglichkeiten der damaligen Instrumente anbelangt. Dieses Wissen bildet für den heutigen Spieler eine entscheidende Grundlage für eine stilechte Interpretation. Ferner gibt es Hinweise zu Metrik und rhythmischer Flexibilität sowie zu den im Notentext verwendeten Verzierungen. Auch die rhythmisch genau angegebenen Appoggiaturen und die Möglichkeiten zum Arpeggio werden im Kontext der historischen Musizierpraxis beschrieben. Die sparsam verwendeten Legato- und Haltebögen und die zahlreichen Staccatozeichen geben einen genauen Einblick in die Art und Weise der Artikulation und Phrasierung der einzelnen Themen und Motivgruppen. Ein neunseitiger kritische Kommentar gibt zudem Hinweise zu Änderungen und Alternativen aus den verschiedenen Quellen.
Der Notentext ist großzügig gesetzt und dadurch übersichtlich und ausgezeichnet zu lesen. Fingersätze und Pedalangaben waren in der frühklassischen Zeit noch nicht üblich, deswegen gibt es in dieser Edition auch keine. Der junge Beethoven kannte bis dahin nur das Kniepedal, und die Tasteninstrumente waren in der Mensur noch recht unterschiedlich, sodass die Fingersätze nicht nur dem Spieler und dem Stück, sondern auch dem jeweiligen Instrument angepasst werden mussten. Die ebenfalls gut lesbaren Streicherstimmen sind blättertechnisch geschickt aufgeteilt. Bogenstriche, Fingersätze oder Saitenangaben enthalten sie aus oben genannten Gründen nicht.
Die drei Klavierquartette sind schon für Schüler gut zu spielen. Gleichzeitig bieten sie erfahrenen Instrumentalisten eine leicht fassbare Kammermusik, die Gelegenheit zu einer frühklassischen Interpretation im galanten Stil und mit reichhaltigen Verzierungen gibt.

Christoph J. Keller