Saxofonkonzerte von Friedrich Cerha, Georg Katzer und Christian Lauba

Drei Konzerte

Johannes Ernst (Saxofon), ORF Radio-Symphonieorchester Wien, MDR-Sinfonieorchester, Ltg. Michael Gielen/Peter Hirsch/Gabriel Feltz

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Genuin
erschienen in: das Orchester 01/2020 , Seite 78

Har­monisch raf­finierte und rhyth­misch kom­plexe Struk­turen zeigen sich bei diesen drei Sax­o­fonkonz­erten in weit­ge­fassten Klang­bildern. Das Aus­drucksspek­trum reicht von faszinierend wohlk­lin­gen­den Pas­sagen bis hin zu schar­fen Tönen und exis­ten­ziellen Klän­gen. Das Instru­ment des Jahres 2019 ist das Sax­o­fon, zweifel­los der ide­ale Zeit­punkt für die Veröf­fentlichung dieser Erstein­spielun­gen.
Die Kom­pon­is­ten Friedrich Cer­ha, Georg Katzer und Chris­t­ian Lau­ba, bekan­nt für gen­reüber­greifende Exper­i­mente mit neuen Klangtech­niken und Spielfor­men, gehören zu den renom­miertesten Vertretern der zeit­genös­sis­chen Musik. Das Span­nungsver­hält­nis zwis­chen Solist und Tut­ti nutzt der Wiener Kom­pon­ist Friedrich Cer­ha immer wieder als kreativ­en Impuls. Er greift biografis­che Erleb­nisse auf und über­set­zt sie in metapho­risch reiche Struk­turen. Als Indi­vidu­um fühlt er sich in der Gesellschaft oft als Außen­seit­er, was er in seinem Konz­ert für Sopransax­o­fon und Orch­ester bisweilen ener­gisch, aber auch ver­schmitzt humoris­tisch ver­mit­telt. Dieser Kon­trast ist auch in anderen Werken, wie dem Stück für Posaune und Stre­ichquar­tett oder dem Klar­inet­tenkonz­ert, deut­lich hör­bar.
Georg Katzer, der let­zte Meis­ter­schüler Hanns Eislers, war ein­er der größten Kom­pon­is­ten der DDR. Er schuf mehr als 200 Titel, darunter Instru­men­tal­musik für die unter­schiedlich­sten Beset­zun­gen, Opern, Bal­lette, Mul­ti­me­di­apro­jek­te, Hör­spiel­musik und sog­ar Pup­pen­spiele. Ein athe­is­tis­ch­er Freigeist des Aufk­lärungszeital­ters ver­fasste mit seinem Trak­tat L’homme machine den Aus­gangspunkt für Katzers Serie der La Met­trie-Stücke. Die Vorstel­lung, Men­schen als Maschi­nen­sys­teme zu begreifen, ist die Idee des franzö­sis­chen Arztes und Philosophen Julien Offray de La Met­trie. Dem Konz­ert für Alt­sax­o­fon und Orch­ester La Met­trie III oder der Abend der Maschi­nen gehen die zwei Kam­mer­musiken La Met­trie oder Anmerkun­gen zum Maschi­nen-Men­schen und La Met­trie oder Anmerkung zum Pflanzen-Men­schen für Bläserquin­tett und Klavier voran. Das große Inter­esse des Kom­pon­is­ten an mech­a­nis­chen und automa­tisierten Prozessen kommt hier unverkennbar zum Vorschein.
„Das Sax­ophon ist für mich der König unter den Instru­menten!“, ist die Aus­sage von Chris­t­ian Lau­ba, dessen Begeis­terung bere­its während der Stu­dien­zeit geweckt wurde. Die Begeg­nung mit dem Sax­o­fon­vir­tu­osen Jean-Marie Lon­deix regte ihn zu zahlre­ichen Kom­po­si­tio­nen an, in denen er die Spiel­tech­niken des Blasin­stru­ments bis zu einem Max­i­mum aus­reizt. In seinem Dies irae geben Solostimme und Orch­ester als drama­tis­che Ein­heit die düstere Endzeit­stim­mung des Jüng­sten Gerichts wieder. Diese hoch­en­er­getis­che Ver­schränkung wird gelöst, wenn die präg­nant artikulierte Melodie des Sax­o­fons wie ein leuch­t­en­des Fanal her­vor­bricht. Trotz der Entzweiung bleibt das Ver­hält­nis zum Orch­ester stets aus­bal­anciert. Mit dem Solis­ten Johannes Ernst ist nicht nur ein exzel­len­ter Inter­pret zu hören, vielmehr ein Musik­er, der sich mit dem iden­ti­fiziert, was er spielt.
Juliane E. Bal­ly