Lucy Simon

Doktor Schiwago

Musikalische Komödie Leipzig, Ltg. Christoph-Johannes Eichhorn

Rubrik: CDs
Verlag/Label: HitsQuad Records
erschienen in: das Orchester 07-08/2020 , Seite 71

Sämtliche Vorstel­lun­gen der deutschen Erstauf­führung an der Musikalis­chen Komödie Leipzig waren 2018 ausverkauft. Als Erfolg erwies sich das Musi­cal der Gram­my-Preisträgerin Lucy Simon (geb. 1943) sei­ther auch in Lüneb­urg und Pforzheim. Das Textbuch von Michael Weller ist eigentlich noch bess­er als die Musik, die sehr auf Wirkung kalkuliert ist.
Simon find­et für jede Sit­u­a­tion einen stim­mi­gen Ton und zeigt kom­pos­i­torisch den untrüglich richti­gen Instinkt für wirkungskräftige Effek­te, vor allem bei der Titelgestalt. Es gibt also weitaus mehr Kraft- als Samt­töne. Nicht nur die Bühne der Leipziger MuKo, auch die CD wurde so vor allem zur großen Stunde von Jan Ammann in der Rolle des phil­an­thropis­chen Poet­en Jurij Schi­wa­go, ein Mann zwis­chen der miss­braucht­en und gebroch­enen Lara (Lisa Haber­mann) und der gut­bürg­er­lichen Tonia (Han­na Mall). Man merkt es dieser Ein­spielung kaum an, dass Simon mit dem Buch lange gerun­gen hat. Der Roman erschien 1957 im west­lichen Aus­land, aber erst 1988 in Rus­s­land; 1958 erhielt Boris Paster­nak dafür den Lit­er­atur-Nobel­preis. Auf Simons erste Fas­sung für San Diego 2006 fol­gte Doc­tor Zhiva­go – A New Musi­cal mit Vorstel­lungsse­rien in Aus­tralien (2011), Seoul (2012), Helsin­ki (2013), am Opern­haus Malmö (2014) und – mit 23 Vorstel­lun­gen wenig erfol­gre­ich – am Broad­way. Mit dem oppor­tunis­tis­chen und dabei schillern­den Vik­tor Komarovskij (Cusch Jung), diesem tief­schwarzen Engel, der Jurij finanziell und Lara kör­per­lich ruiniert, weiß Lucy Simon nicht son­der­lich viel anz­u­fan­gen. Und ganz ohne die berühmte „Schi­wa­go-Melodie“ will sie auch nicht auskom­men: Mau­rice Jar­res Ever­green erklingt als „Volksmelodie“ der weib­lichen Land­bevölkerung. Ohne tat­säch­lich einen ganz großen melodis­chen Wurf zu lan­den, fühlt sich Simon in amourösen Gefühlsre­gio­nen sicher­er als bei der klan­glichen Aus­gestal­tung mil­itärisch­er und his­torisch­er Aktio­nen. Die Ein­spielung ver­traut ihrer großflächi­gen Anlage und malt mit sat­tem Pin­sel. Christoph-Johannes Eich­horn, seit 2013 Koor­diniert­er Kapellmeis­ter und Solorepeti­tor der Musikalis­chen Komödie Leipzig, hat kein­er­lei Skru­pel und lässt Emo­tio­nen tri­um­phieren – die dadurch etwas aus­tauschbar ger­at­en. Nur Jan Ammanns per­fek­te Darstel­lung dringt hin­ter das Abbild eines Prachtk­erls aus dem Musi­cal-Kat­a­log und zu ein­er charak­ter­isieren­den, bewe­gen­den Aus­sage. Par­ti­tur und Wieder­gabe zele­bri­eren rauschhaftes Aus­geliefert­sein in auf­bran­den­den For­tis­si­mo-Wogen, die Simon mehr beflügelte als die einzel­nen Hand­lungse­tap­pen. Als Folge des per­fek­tion­is­tisch aus­laden­den Sound­de­signs von Hol­ger Ham­mel­mann unter­schei­den sich die bei­den Haupt­darstel­lerin­nen Lisa Haber­mann und Han­na Mall nicht mit der nöti­gen kon­trastieren­den Schärfe, wie das in der Insze­nierung möglich war. Unter­be­lichtet bleibt lei­der durch die Dra­maturgie des Stücks auch Björn Chris­t­ian Kuhn als Sow­jet-Rev­o­lu­tionär Pavel. Für Musi­cal-Enthu­si­as­ten ist diese Ein­spielung unterm Strich den­noch ein opu­len­ter Gewinn, der auch ohne visuelle Zusätze bestens funk­tion­iert.
Roland Dip­pel