Werke von Weber, Schumann, Dvořák und anderen

Divertimento: Kirschendiebe

Musikalische Lesung mit Anke Bär und den Bremer Philharmonikern

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Housemaster Records/Bremer Philharmoniker, Bezugsquelle: www.bremer-philharmoniker.de, Tel. 04 21/62 67 30, E-Mail: info@bremerphilharmoniker.de
erschienen in: das Orchester 10/2021 , Seite 81

Um „Kirschendiebe“ geht es nicht in allen Kapiteln. Und ob Lotte, Paul, Han­nah und Knut, die die Nachkriegs­jahre in einem Forsthaus ver­brin­gen und dem geizigen Reg­i­ment der „grässlichen“ Frau Greß­mann lediglich einige köstliche Früchte aus reich bestück­tem Garten abtrotzen, wirk­lich „Diebe“ sind, sei dahingestellt. Anke Bärs 2018 erschienenes Buch – sein Unter­ti­tel „…oder als der Krieg vor­bei war“ deutet es an – lässt sich indes nicht auf einzelne Episo­den reduzieren. Hier entste­ht vielmehr ein Zeit­panora­ma. Und mag dem Buch vielle­icht die Strin­genz ein­er durchge­hen­den „Sto­ry“ fehlen, so wird dieser schein­bare Man­gel aus­geglichen durch atmo­sphärestarke Schilderun­gen der ent­behrungsre­ichen und zugle­ich vor Leben­skraft strotzen­den Zeit der Jahre nach Ende des Zweit­en Weltkriegs.
Gewiss: Manch junger Leser/Hörer mag nur ver­schwommene Vorstel­lun­gen verbinden mit einem Forsthaus, mit dör­flichem Leben, gar mit Elstern, Leder­ho­sen oder ein­er altertüm­lichen Schreib­mas­chine. Anke Bärs sug­ges­tive, detail­ge­naue, eben­so plas­tis­che wie ein­fühlsame Schreibart dürfte jedoch die intendierte Ziel­gruppe – Kinder ab 10 Jahren – schnell in ihren Bann ziehen, und ins­beson­dere die Haupt­per­son Lotte lädt ein zur Iden­ti­fika­tion: mutig, von Gerechtigkeitssinn beseelt, wenig geneigt, tra­di­tionelle Rol­len­bilder unhin­ter­fragt zu übernehmen, zugle­ich sehr liebenswert.
Das gelun­gene Kinder­buch der in Bre­men leben­den Autorin und Illus­tra­torin erklingt hier in ein­er Pro­duk­tion, für deren musikalis­chen Teil die Bre­mer Phil­har­moniker ver­ant­wortlich zeich­nen – lei­der (coro­n­abe­d­ingt) nicht das ganze Orch­ester, son­dern „nur“ ein Kam­mer­musikensem­ble, das indes durch homo­genes, blitzsauberes und dif­feren­ziertes Spiel run­dum überzeugt: Anette Behr-König und Romeo Ruga (Vio­line), Anke Ohngemach (Vio­la) und Karo­la von Bor­ries (Vio­lon­cel­lo) sind zu hören mit Arrange­ments zweier Schumann’scher Kinder­szenen, mit Auss­chnit­ten aus Webers Freis­chütz und einem eben­so schwungvoll wie präzis darge­bote­nen Finale aus Dvořáks „Amerikanis­chem Stre­ichquar­tett“. Perkus­sion­istin Rose Eick­el­berg tritt sub­til unter­stützend hinzu in Leroy Ander­sons Type­writer, in zwei Songs des genialen Michael Jary und im Ever­green Von den blauen Bergen kom­men wir, jen­em Lied, das Lotte, zum Sin­gen gedrängt, arg­los hin­auss­chmettert, um dann über­rascht festzustellen, dass ihr wenig geliebter Lehrer Herr Fet­tig doch Humor hat. Nicht über­all freilich beste­ht eine so klare Verbindung zwis­chen erzähltem Text und Musik, bisweilen mutet die Musikauswahl ein wenig beliebig an.
Ungeachtet dieser Ein­schränkung: Kirschendiebe bere­it­et Freude, den Hör­ern guter Jugendlit­er­atur eben­so wie jenen guter Musik! Und damit dem Konz­ert­pub­likum in spe, dem Hörenswertes anzu­bi­eten wir nicht müde wer­den dürfen.
Auf wen die bisweilen bril­lanten Arrange­ments zurück­ge­hen, wird lei­der nicht ver­rat­en – somit hier nur ein anonymes Lob.
Ger­hard Anders