Gülke, Peter

Dirigenten

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Olms, Hildesheim 2017
erschienen in: das Orchester 09/2017 , Seite 62

An Diri­gen­ten-Biografien beste­ht kein Man­gel. Bei Peter Gülke sind ob des sach­lich-neu­tralen Titels solche indes von vorne­here­in nicht zu erwarten. Der 83-jährige Gülke ist selb­st Diri­gent von Rang und ein viel­seit­iger, akribis­ch­er Musik­wis­senschaftler. Diese Dop­pel­funk­tion gibt seinem Buch ein beson­deres Qual­itäts­gewicht. Es lohnt also, sich zu den fundierten Erken­nt­nis­sen und Bew­er­tun­gen ungeachtet rhetorisch ful­mi­nan­ter, aber auch schon mal fach­lastiger und sprach­lich etwas brü­ten­der For­mulierun­gen hin­durch zu lesen bzw. zu arbeit­en.
Diri­gen­ten ist keine zusam­men­hän­gend ent­standene Antholo­gie, son­dern eine Samm­lung unter­schiedlich­er Beiträge. Die aus­ge­sucht­en Per­sön­lichkeit­en tra­gen fast auss­chließlich große Namen. Sie wirken in sum­ma vielle­icht etwas zufäl­lig zusam­mengestellt, aber die Pub­lika­tion legt es erk­lärter­maßen nicht auf eine irgend­wie geart­ete „Voll­ständigkeit“ an. So erfährt der kurz erwäh­nte Leonard Bern­stein keine spez­i­fis­che Würdi­gung, obwohl seine genialis­che Per­sön­lichkeit eine solche eigentlich her­aus­fordern müsste.
Alle zu unter­schiedlich­er Zeit ent­stande­nen Texte Gülkes sind unre­v­i­diert zu lesen, was schon mal Mehrfachbe­merkun­gen zu ein und dem­sel­ben Sachver­halt nach sich zieht. In einem Fall allerd­ings erfol­gt gezielt ein nachträglich­er Kom­men­tar. Eugen Jochum (Würdi­gung zu seinem 100. Geburt­stag) wird in kün­st­lerisch­er Hin­sicht zwar nicht infrage gestellt, der Schul­ter­schluss des Diri­gen­ten mit dem NS-Regime jedoch gemäß jüng­ster Forschun­gen kri­tisch beleuchtet. Die äußer­lich ver­gle­ich­bare Hal­tung Wil­helm Furtwän­glers find­et hinge­gen Gülkes Ver­ständ­nis. Er begrün­det Furtwän­glers „Ent­las­tung“ nicht zulet­zt mit den Konz­er­tauf­nah­men vom Beginn der 1940er Jahre in der Alten Phil­har­monie Berlin, welche für ihn einen innerkün­st­lerischen Protest gegen die Ide­olo­gie der Nazis doku­men­tieren. Zum primär imag­i­na­tiv musizieren­den Furtwän­gler wird der streng dressierende Arturo Toscani­ni als extremer Gegen­pol geschildert. Kon­trastre­iche Betra­ch­tun­gen und Bew­er­tun­gen find­en sich auch bei den anderen porträtierten Diri­gen­ten; die Namen zwis­chen Hans von Bülow und Niko­laus Harnon­court bilden freilich nur einen Rah­men, keine voll­ständi­ge Pha­lanx. Eine stim­mige Quin­tes­senz ergibt sich aus Gülkes Beschrei­bun­gen gle­ich­wohl.
Die DDR-Ver­gan­gen­heit des Autors erk­lärt die Bevorzu­gung eines Her­mann Aben­droth, Kurt Sander­ling oder auch Kurt Masur gegenüber anderen Mae­stros. Aber solch­es Pars pro Toto erscheint im Rah­men des Buch­es dur­chaus legit­im. Die Schilderung des trotz uner­müdlich­er Auf­bauar­beit let­ztlich „gescheit­erten“ Joseph Trau­neck (1898–1975) wirkt als Kon­trast zu mancher­lei Glanz-und-Glo­ria-Kar­riere zudem aus­ge­sprochen sym­pa­thisch. Anson­sten erfährt man von Peter Gülke Bedeut­sames zu Felix Wein­gart­ner, Richard Strauss, Her­bert von Kara­jan, Rudolf Kempe, Car­los Kleiber, Igor Marke­vitch und Gün­ter Wand. Beson­dere Aufmerk­samkeit gilt zum Schluss Inter­pre­ta­tion­saspek­ten der ersten Sin­fonie von Johannes Brahms.
Christoph Zim­mer­mann