Dimitar Nenov

Piano Concerto/Ballade

for piano and orchestra

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Hyperion
erschienen in: das Orchester 01/2018 , Seite 71

Wären nicht Pantscho Wladi­gerow und seine Rhap­sodie Wadar (1922) oder aktuell Emil Tabakow mit der Ein­spielung sein­er eige­nen Sin­fonien beim Label Toc­ca­ta Clas­sics, so bliebe bul­gar­ische Musik ein weißer Fleck im inter­na­tionalen Kon­zertleben. Das war in der ersten Hälf­te des 20. Jahrhun­derts völ­lig anders, doch zu Zeit­en des Kalten Krieges wur­den die Kom­pon­is­ten des Balkan­lan­des im West­en ignori­ert, und nach 1989/90 änderte sich wenig.Da fällt es ins Gewicht, wenn Tabakow jet­zt zwei repräsen­ta­tive und großar­tige Werke von Dim­i­tar Nenow (1901–1953) als Erstauf­nah­men präsen­tiert und ins Bewusst­sein zurück­holt. Denn Nenow gehörte gemein­sam mit Wladi­gerow, Marin Golemi­now, Ljubomir Pip­kow und Wes­selin Sto­janow zu jen­er Gen­er­a­tion bul­gar­isch­er Komponis­ten, deren Werke weltweit bekan­nt wur­den. Das zeigt sich in seinem Schaf­fen eben­so wie in sein­er Biografie und seinem außergewöhn­lichen Tal­ent. Unter­richtet wurde er zuerst von der Mut­ter und dem berühmten bul­gar­ischen Pianis­ten Andrej Sto­janow, dann studierte er in Dres­den, Bologna und in Polen Architek­tur, Klavier, Musik­the­o­rie und Kom­po­si­tion. Viel­seit­ig war auch sein Wirken: Konz­er­tauftritte in ganz Europa und 1949 Jurymit­glied beim Inter­na­tionalen Chopin-Wet­tbe­werb in Warschau; erster Musikredak­teur bei Radio Sofia und Grün­der des Rund­funko­rch­esters (1930), Folk­lore-Samm­ler, Musikschrift­steller, Mit­be­grün­der der Gesellschaft für zeit­genös­sis­che Musik (1933), und auch als Architekt war er kreativ. Doch ab 1944, in der „Volk­sre­pub­lik“, wurde Nenow negiert. Er erlebte Anfein­dun­gen und Demü­ti­gun­gen und erst 1952 mit der Ver­lei­hung des Dim­itrow-Staat­s­preis­es eine „Rehabilitation“.Nach seinem Tod erk­lan­gen die bei­den Sin­fonien und Ora­to­rien, die Konz­ert­stücke und Gesangszyklen nur noch sel­ten, und das Auf­führungs­ma­te­r­i­al für die vor­liegende Auf­nahme wurde erst dank der Ini­tia­tive des in Lon­don leben­den bul­gar­ischen Pianis­ten Ivo Var­banow gedruckt. Dieser hat sich mit sein­er großen Tat für Nemow auch den eige­nen großen Auftritt ver­schafft: Denn das 45-minütige Klavierkonz­ert (1932–36) wie auch die Bal­lade Nr. 2 für Klavier und Orch­ester (1943) ver­lan­gen Her­aus­ra­gen­des von den Interpreten.Der Solopart ste­ht der Kom­pak­theit und Vir­tu­osität von Tschai­kows­ky und Rach­mani­now in nichts nach. Die vari­anten­re­iche, viel­gliedrige, ver­spielt wirk­ende Architek­tur, die im Detail wie in der drei- bzw. ein­sätzi­gen Gesam­tan­lage kon­sequent sonat­en- und bogen­för­mig entwick­elt wird, braucht Spannkraft und Schat­tierungsvermögen. Und die Syn­these aus klas­sis­chen Gestal­tungsmit­teln, mod­er­nen Klän­gen und Ele­menten der Folk­lore, die als Idylle und Tanz, als Choral und Mil­itär­marsch, in kom­plizierten „bul­gar­ischen Tak­tarten“ und „tak­t­losem“ modalen Melos und Orna­menten erscheinen, fordert ein Höch­st­maß an Gespür und Fan­tasie, um dieser Vital­ität, Far­ben­freude und Aus­drucks­fülle gerecht und Herr zu wer­den. Es sind starke Impulse, denen sich die exzel­lente Auf­führung wie auch der deut­liche Akzent ver­dankt, den sie im Reper­toire set­zt.
Eber­hard Kneipel