Alex Ross

Die Welt nach Wagner

Ein deutscher Künstler und sein Einfluss auf die Moderne

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Rowohlt
erschienen in: das Orchester 02/2021 , Seite 61

So wie Lau­rence Senelick schon im Vor­feld des Offen­bach-Jahres 2019 ein Buch pub­lizierte, das Offen­bachs enorme Wirkungs­geschichte am Beginn der Mod­erne in den Fokus nahm, hat jet­zt Alex Ross eben dies „in Sachen Wag­n­er“ ver­sucht. Schon Friedrich Niet­zsche schrieb 1888 in sein­er polemis­chen Schrift Der Fall Wag­n­er: „Durch Wag­n­er redet die Moder­nität ihre intim­ste Sprache. […] Wag­n­er resümiert die Moder­nität.“
Alex Ross geht es vor allem um den Ein­fluss eines Musik­ers auf Nicht-Musik­er der Mod­erne, den er im Fall Wag­n­er für einzi­gar­tig hält. Um das zu bele­gen, span­nt der Autor einen großen Bogen vom Wag­ner­is­mus des Kaiser­re­ichs und des Fin de Siè­cle über die begin­nende Mod­erne, die Zeit des Ersten Weltkriegs und der Naz­i­herrschaft bis zu den Lit­er­at­en, bilden­den Kün­stlern und Filmemach­ern der Zeit nach 1945. Zu kurz kommt die Musik. Sie war es doch, mit der Wag­n­er die musikalis­che Mod­erne ein­geläutet und ein neues Kapi­tel der Operngeschichte geschrieben hat.
Ross, der sich zwar in der englis­chsprachi­gen Wag­n­er-Lit­er­atur gut ausken­nt, offen­bart aber empfind­liche Lück­en in der deutschsprachi­gen, die Wesentlich­es zur Aufar­beitung der Ide­olo­gie und Wirkung Wag­n­ers beitrug. Er wirft zitatenge­spick­te Schlaglichter auf Wag­n­ers Leben und Werke, deren Titel zur Gliederung der 15 Kapi­tel her­hal­ten müssen. Ross verurteilt ein­er­seits das „back­shad­ow­ing“, also die Ange­wohn­heit, die deutsche Geschichte als unumkehrbaren Marsch in den Abgrund zu betra­cht­en; auch die Gefahr der ständi­gen Kop­pelung von Wag­n­er mit Hitler, weil sie dem „Führer“ einen späten Tri­umph ver­schaffe, den er nicht ver­di­ene. Ander­er­seits beze­ich­net Ross Richard Wag­n­er als „Pro­ton­azi“ und erk­lärt ihn zum Gegen­pol der mod­er­nen Kul­tur. Das ist der Grund­wider­spruch des Buchs, in dem man lei­der nichts Neues erfährt.
Am Ende schreibt der Autor: „Man muss den Men­schen Wag­n­er oder seine Musik nicht lieben, um das atem­ber­aubende Aus­maß sein­er Leis­tung zu erken­nen.“ Den Nach­weis dieser Leis­tun­gen haben aber längst andere Autoren erbracht. Ross beken­nt: „Wenn wir Wag­n­er betra­cht­en, schauen wir in einen Ver­größerungsspiegel der men­schlichen Seele. In der Ferne erhaschen wir vielle­icht einen flüchti­gen Blick auf ein erhabenes Reich, einen glänzen­den Tem­pel, eine Ekstase des Wis­sens und des Mitlei­ds.“
Dieser Herzenser­guss ist beze­ich­nend für die Arbeit von Alex Ross. Mit Wis­senschaft hat das nicht viel zu tun. Es ist die his­torische Hemd­särmeligkeit und sub­jek­tive Gefüh­ligkeit, mit der der Autor, seit 1996 Musikkri­tik­er des New York­er, sich seine ganz per­sön­liche, äußerst sub­jek­tive Sicht auf Wag­n­er von der Seele schreibt. Sie aber macht die Lek­türe dieses Wälz­ers nicht unbe­d­ingt lesenswert.
Dieter David Scholz