Boieldieu, François-Adrien

Die weiße Dame

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Genuin GEN 10534
erschienen in: das Orchester 03/2011 , Seite 68

Boield­ieus Opéra comique Die weiße Dame gehört nicht zu jen­er Spukro­man­tik, wie sie die Roman­tik liebte. Dabei war der Libret­tist Eugène Scribe in diesem Genre dur­chaus geübt (Meyer­beers Robert der Teufel, Goun­ods Blutige Nonne). Bei La dame blanche aber wird Dämonie iro­nisiert. Die Sage von dem geheimnisvollen Geis­ter­we­sen ist nur eine Finte Annas, Stieftochter der ein­sti­gen Herrschaften von Schloss Avenel, um den besitzgieri­gen Ver­wal­ter Gave­ston aus dem Felde zu schlagen.Dabei kommt ihr der junge George Brown zu Hil­fe, der sich zulet­zt auch noch als der ver­meintlich gestor­bene Sohn der Avenels ent­pup­pt. Liebe flammt zwis­chen bei­den auf, ein ver­bor­gen­er Schatz wird gefun­den, das gute Ende ist also unauswe­ich­lich. Ein harm­los­es Sujet, kein Zweifel, welch­es aber zu einem unter­halt­samen Opern­abend taugt, wenn man sich dem Werk (wie etwa 2001 in Düs­sel­dorf) mit Charme und Witz zu näh­ern weiß. Die jüng­ste Pro­duk-tion fand 2008 an der Kam­merop­er Schloss Rheins­berg statt. 1990 vom Kom­pon­is­ten Siegfried Matthus gegrün­det, prof­i­tiert sie sehr von dem atmo­sphärisch gele­ge­nen Dom­izil, seinem Park, seinen Wei­h­ern; in dem Heck­enthe­ater wird beson­ders gerne Mozarts Don Gio­van­ni gespielt. Das Schloss erschuf sich einst der Preußenkönig Friedrich II. als eine Art musis­ch­er Oase, Theodor Strom und Kurt Tuchol­sky set­zten der Idylle später lit­er­arische Denkmäler. Die Kam­merop­er ist ein erfol­gre­ich­es Forum für junge Sänger. Erfahrene, mitunter sog­ar recht promi­nente Diri­gen­ten und Szeniker arbeit­en mit dem Nach­wuchs. Im Fall der Weißen Dame war der mehr und mehr ins Regiefach strebende Coun­tertenor Axel Köh­ler für das Büh­nengeschehen zuständig. Ein akustisch nach­prüf­bares Detail seines Konzepts ist, dass die Dialoge durch einen „Mod­er­a­tor“ (haupt­säch­lich in der Rolle des Scribe) erset­zt sind. Das ver­mei­det rhetorische Pein­lichkeit­en (zumal bei ein­er deutschsprachi­gen Auf­führung mit haupt­säch­lich aus­ländis­chen Sängern) und bietet gle­ichzeit­ig manche Gele­gen­heit zu iro­nis­chem Brio.
Es wäre unfair, die Rheins­berg­er Liveauf­nahme an den Ein­spielun­gen zu messen, wie sie Pierre Stoll 1961, Jean Four­net 1964 und Marc Minkows­ki 1996 hin­ter­lassen haben. Hier standen alleine für die anspruchsvolle Par­tie des George Brown ein Michel Sénéchal, Nico­lai Ged­da bzw. Rock­well Blake zur Ver­fü­gung. Erstaunlicher­weise überzeugt in Rheins­berg der Inder Amar Much­ha­la ger­ade in der heiklen Kava­tine des zweit­en Akts. Stimm­lich ganz gelöst ist er ins­ge­samt freilich noch nicht. Über­aus erfrischend wirkt die Jen­ny von Mara Mastalir, weit­er­hin gefall­en beson­ders Pao­la Leg­geri (Anna) und Anne Cather­ine Wag­n­er (Haushäl­terin Mar­garethe). Aber auch Christo­pher O’Connor (Pächter Dick­son) und Dion­isos Tsan­ti­nis (Gave­ston) wur­den aus der Bewer­ber­schar von über 400 Sängern kaum von unge­fähr aus­gewählt. Beim RIAS Jugen­dorch­ester unter Ger­not Schulz klingt Boield­ieus Musik klar und spritzig.
Christoph Zimmermann