Richard Wagner

Die Walküre

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Ltg. Simon Rattle

Rubrik: CDs
Verlag/Label: BR Klassik
erschienen in: das Orchester 11/2020 , Seite 67

Simon Rat­tles Walküren­ritt begin­nt ohne gepeitscht­es Rasen. Er gle­icht eher einem genau einge­fan­genen und gut beleuchteten Bild tur­bu­len­ter Wolken­felder. Bei dieser Deu­tung sind Rauschwirkun­gen, umnebel­nder Wag­n­er-Sog und apoka­lyp­tis­che Dro­hge­bär­den uner­wün­scht. Dafür besticht der Mitschnitt der bei­den konz­er­tan­ten Auf­führun­gen am 8. und 10. Feb­ru­ar 2019 im Münch­en­er Herku­lessaal durch plas­tis­che Span­nungs­bö­gen und unaufgeregte Aufmerk­samkeit­en für Details. Mehrfach über­raschen genau durch­dachte Tem­poschübe und daraus entwick­elte Akzen­twech­sel, ohne dass das Sym­phonieorch­ester des Bay­erischen Rund­funks gegen den Strich gebürstet klingt.
Der 1870 im Münch­n­er Hof- & Nation­althe­ater uraufge­führte Erste Tag aus Richard Wag­n­ers Der Ring des Nibelun­gen hat hier eine Rhetorik von fast franzö­sisch anmu­ten­der Geschmei­digkeit und voll tönen­der Dekla­ma­tion bis in die immer äußerst dif­feren­ziert aus­gekosteten Pianokul­turen. San­glichkeit und emo­tionale Inten­sität wer­den zur verdichteten Ein­heit. Nur ein min­i­males Risiko bestand: Fast wären diese 220 Minuten zu schön gewor­den.
Als Göt­ter­vater Wotan war James Ruther­ford, der diesen Part auch in der Ein­spielung Axel Kobers mit den Duis­burg­er Phil­har­monikern singt, für Michael Volle einge­sprun­gen. Seine größten Stärken hat Ruther­ford in der Erzäh­lung des zweit­en Aufzugs, dessen mitreißende Aktions­fülle Rat­tle zum bern­ste­in­far­be­nen Leucht­en bringt. In Ruther­fords Vor­wür­fen an Brünnhilde gibt es dage­gen einige flache Momente, welche Iréne The­o­rin in der Titel­par­tie mit schlank attack­ieren­den Höhen­schär­fen kon­tert.
Das vokale Glück dieser Auf­nahme liegt also bei dem mit Ide­alkon­di­tion agieren­den Zwill­ings- und Liebe­spaar: Eva-Maria West­broek ist eine Sieglinde mit dun­klem Leucht­en und gle­ich zu Beginn ver­heißungsvoll sinnlichem Gold-Sopran. Stu­art Skel­ton zeigt mehr baum­stamm­feste und dabei imponierende Viril­ität als Sieg­munds immer im Sprung befind­liche Ner­vosität. So wird dessen Kon­fronta­tion mit dem bekan­nter­maßen stim­m­mächti­gen Hund­ing von Eric Half­var­son zum Wet­tkampf durch Kraft. Eine Über­raschung ist die im Stre­it mit Wotan phänom­e­nal tak­tile und dabei lyrisch inten­sive Fric­ka von Elis­a­beth Kul­man. Sie gur­rt wie eine junge Ver­führerin und macht die oft als frus­tri­erte Matrone vorge­führte Hüterin der Ehe zur vital­en Frau, deren Liebe zum Gott und Gemahl noch nicht ganz ver­glüht ist.
In dieser Gestal­tung, bei der die Ensem­bles der durch­weg kul­tivierten Walküren von den Mikro­fo­nen mit etwas zu wenig Nach­druck einge­fan­gen wur­den, löst Rat­tle sich mit den auch alle Soli mit blühen­der und dabei durch­sichtiger Top­form spie­len­den Musik­ern von der Wag­n­er oft zuge­sproch­enen Lust am Unter­gang. Mit dem lux­u­riös und doch dis­tin­guiert leuch­t­en­den Orch­ester rei­ht er die Hand­lung zu retardieren­den Momenten, bei denen keine Fig­ur die Not­bremse zur Ver­hin­derung der Katas­tro­phe zieht. Eine span­nungs­ge­ladene Hör­er-Ver­führung.
Roland Dip­pel