Tomenendal, Dominik

Die Wagners

Hüter des Hügels

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Pustet, Regensburg 2012
erschienen in: das Orchester 03/2013 , Seite 61

Das Cov­er­fo­to sagt schon alles: Wenn es um “die Wag­n­ers” geht, sollte heute jed­er an Katha­ri­na denken, jene Urenke­lin Richard Wag­n­ers, die seit 2008 mit ihrer Halb­schwest­er die Bayreuther Fest­spiele leit­et. Nach diesem Strick­muster ver­mark­tet sich die bald 35-Jährige seit Jahren so erfol­gre­ich, dass die Presse reflexar­tig alles druckt, was mit ihr zu tun hat.
Sich­er ist es kein Zufall, dass Dominik Tome­nen­dal, Autor von Die Wag­n­ers, zwei Som­mer im Fest­spiel­presse­büro arbeit­ete und jet­zt für einen Berlin­er Kom­mu­nika­tions­ber­ater wirkt. Sein Taschen­buch aus der Rei­he “Kleine Bay­erische Biografien” im Ver­lag Friedrich Pustet kann man auch direkt im Fest­spielshop kaufen; es ist dort ein­er der raren Fremdti­tel neben Oswald Georg Bauers Eloge Wolf­gang Wag­n­er (siehe die Besprechung in das Orch­ester 5/12, S. 69).
Zwar macht der 1983 geborene Autor nicht den gle­ichen Fehler, Kri­tik kom­plett auszuk­lam­mern, aber ungenü­gend und über­flüs­sig ist seine 144 Seit­en starke Kom­pi­la­tion alle­mal. Vielle­icht schon man­gels Erfahrung misslin­gen ihm die von jedem Biografen zu leis­tende Einord­nung und Gewich­tung. Es geht im Schweins­ga­lopp durchs Leben von Richard und Cosi­ma Wag­n­er, deren Kinder, Kinde­skinder und einiger Urenkel – und durch die deutsche Geschichte. Dem Wag­n­er der frühen Jahre bis 1848 wid­met er etwas mehr als eine Druck­seite – genau­so viel wie zum Info-The­ma “Homo­sex­uelle in Deutsch­land” im Kapi­tel zu Siegfried Wag­n­er und halb so lang wie der Seit­en­blick aufs Außen­lager Bayreuth des KZ Flossen­bürg.
Durch der­lei eigen­willige Akzente set­zt sich Tome­nen­dal von der gegebe­nen Lit­er­atur ab – und durch seine anbiedernd flap­sige Sprache. Da gibt es Alt‑, Hyper- und Ultra-Wag­ne­r­i­an­er, da darf Diri­gent Richard Strauss ein­sprin­gen, weil “seine alten Geg­n­er Cosi­ma und Siegfried ja schon unter der Erde waren”. Die vere­in­fachende, oft verz­er­rende und sin­nentstel­lende Sprache ver­hüllt nur, wie sehr sich der Autor aus anderen Büch­ern bedi­ent hat. Seine bevorzugten Quellen sind ein­schlägige Titel von Brigitte Hamann und Oliv­er Hilmes – und weniger die Primär­lit­er­atur. Warum schreibt er, Wag­n­er habe “ange­blich” kurz vor seinem Tod gesagt, er sei der Welt noch einen Tannhäuser schuldig? Etwa weil bei Hamann ste­ht, dass Cosi­ma über die let­zten bei­den Tage auf­fäl­lig unpräzise berichtete? War er zu bequem, das Zitat in den Tage­büch­ern zu ver­i­fizieren?
Das “Hier gilt’s der Kun­st!” von Pogn­er-Tochter Eva aus dem 2. Akt der Meis­tersinger stil­isiert er ein­fach zu einem “Wag­n­er-Mot­to” um. Er weiß eben nicht, dass erst die Nachkom­men den Libret­to-Text poli­tisch benutzt haben. Zwar über­trifft Tome­nen­dal nicht das fehler­hafteste Wag­n­er-Buch jün­geren Datums, Wag­n­ers Welt von Axel Brügge­mann. Aber wer Brünnhilde mit einem “n” durchge­hen lässt, Cosi­ma als gebür­tige Französin aus­gibt und Fotos falsch datiert, ist kein ser­iös­er Wag­n­er-Autor. Deshalb wird man ihm auch nicht abnehmen, dass Frauen­feindlichkeit im Spiel sein soll, wenn die Medi­en die aktuellen Fest­spiellei­t­erin­nen nicht als das empfind­en, was der Unter­ti­tel sug­geriert: Hüter des Hügels.

Moni­ka Beer