© Anastasia Magazova Avdiyivka

Susanne Schröder

Die Ukrainer wissen, was sie verteidigen“

Die aus Kyiw stammende Geigerin Marina Bondas organisiert Hilfe für ihre Landsleute

Rubrik: Zwischentöne
erschienen in: das Orchester 6/2022 , Seite 40

Eigentlich ist sie Geigerin im Rund­funk-Sin­fonieorch­ester Berlin, aber derzeit dreht sich für Mari­na Bon­das alles um den Krieg in der Ukraine. Mit dem Vere­in Ukraine-Hil­fe Berlin organ­isiert sie Hil­f­s­liefer­un­gen und unter­stützt Geflüchtete mit Informationen.
Wenig Schlaf, viel Sor­gen, unzäh­lige Tele­fonate – das ist der All­t­ag von Mari­na Bon­das seit dem 24. Feb­ru­ar, dem Tag, als der rus­sis­che Angriff auf die Ukraine begann. Die Geigerin gehört zu den unzäh­li­gen Land­sleuten, die ihren eigentlichen Beruf mehr oder min­der ruhen lassen, um sich für die Men­schen in der Ukraine zu engagieren. Die gebür­tige Kiew­erin macht dies schon seit 2014 in der Ini­tia­tive „Heart for Ukraine“ und seit 2015 im gemein­nützi­gen Vere­in Ukraine-Hil­fe Berlin e. V., der als Reak­tion auf die rus­sis­che Annex­ion der Krim gegrün­det wurde.
Aktuell kön­nte sie rund um die Uhr aktiv sein: „Wir müssen Medika­mente schick­en, human­itäre Güter.“ Es gebe bewährte Logis­tikket­ten, „aber mit dem Krieg mussten wir neue Wege find­en“. Derzeit bringe man Lkw-Liefer­un­gen an die pol­nisch-ukrainis­che Gren­ze, die von dor­ti­gen Mitar­bei­t­en­den in Emp­fang genom­men wer­den. „Wir haben ganz tolle Leute, die ihr Leben riskieren und die Sachen verteilen.“ Die Empfänger sind zum Beispiel Krankenhäuser.
Mari­na Bon­das küm­mert sich nicht nur um die Hil­f­s­liefer­un­gen im Rah­men des Vere­ins Ukraine-Hil­fe Berlin, sie hält von der Bun­de­shaupt­stadt aus auch inten­siv­en Kon­takt zu Fre­un­den und Fam­i­lien in der Ukraine, deren Kinder sie seit Jahren musikalisch betreut. Einige ver­sucht­en sie zu beruhi­gen: „Mari­na, mach dir keine Sor­gen, es ist alles gut.“ Es gebe auch Men­schen, erzählt die Musik­erin, „die ihren Humor behal­ten haben – und dafür liebe ich die Leute, dafür liebe ich dieses Land. Ukrainis­ch­er Humor ist etwas ganz Beson­deres.“ Dieser sei mitunter böse, aber auch ganz fein. „Das ist das, was die Men­schen am Leben erhält, sie opti­mistisch bleiben lässt.“
Aber Bon­das bekommt auch verzweifelte Hil­fer­ufe. „Und da fühlt man sich unglaublich hil­f­los, wenn sich zum Beispiel die Fam­i­lie von einem Schüt­zling meldet und sagt: ‚Mari­na, bitte, bitte, wir müssen hier raus‘ – und ich kann nicht helfen.“
Sie weiß aus eigen­er Erfahrung, was es heißt, seine Heimat ver­lassen und in einem frem­den Land Fuß fassen zu müssen. Vor fast genau 30 Jahren, im Mai 1992, kam sie mit ihren Eltern aus Kyiw – so die dem Ukrainis­chen am ehesten entsprechende Schreib­weise für den Namen der Haupt­stadt – nach Deutsch­land. Als soge­nan­nte jüdis­che Kontin­gent-Flüchtlinge kon­nten sie und ihre Fam­i­lie aus­reisen. Die damals Zwölfjährige sprach kaum Deutsch. „Wenn du dann in einem frem­den Land bist und du hast abso­lut keinen Halt – und plöt­zlich ist die Fremd­sprache das Einzige und du musst dich irgend­wie damit zurechtfind­en: Das braucht ein biss­chen Zeit.“
Seit sie denken kann, spielt Mari­na Bon­das Geige. „Meine Eltern sind bei­de Geigen­lehrer, und das war der einzige Beruf, den ich mir über­haupt vorstellen kon­nte.“ So studierte sie tat­säch­lich Vio­line und ist heute Mit­glied im Rund­funk-Sin­fonieorch­ester. Doch so sehr sie ihr Ins­trument auch liebt, seit dem 24. Feb­ru­ar hat sie die Geige nicht zur Hand genom­men. Und das, obwohl sie mit ihren Auftrit­ten vie­len Men­schen Halt gibt – auch in den Kriegs­ge­bi­eten in der Ost­ukraine. Seit der Annex­ion der Krim war sie immer wieder in den betrof­fe­nen Regio­nen und spielte in Schulen, Kliniken, zer­störten Häusern, auf der Straße, „manch­mal hat­te ich vier bis fünf Auftritte am Tag“.
Sie liebt diese inti­men Konz­erte sog­ar mehr als Auftritte in großen Konz­erthäusern, sagt sie. „Wenn ich in irgen­deinem zer­schosse­nen Raum oder unter freiem Him­mel für 20, 30 Leute spiele, kann ich jeden per­sön­lich erre­ichen. Ich habe Kon­takt zu jedem, und das macht die Sache aus.“
In dem Pro­jekt „Musik ret­tet“ betreut sie auch trau­ma­tisierte Kinder in der Ukraine. ­„Heart for Ukraine“ organ­isiert zudem Som­mer­camps und holt die Kinder dafür nach Deutsch­land. Sie merke immer, wie gut ihnen dies tue, so Mari­na Bon­das. „Die Kinder und Jugendlichen haben ein biss­chen mehr erwach­sene Augen. Aber sie sind gle­ichzeit­ig auch genau­so wie die Jugendlichen hier; sie haben Tik­Tok, sie haben Insta­gram und sie lack­ieren sich die Nägel. Man sieht denen nicht immer an, dass sie Kriegskinder sind. Aber wenn sie dann hier­herkom­men, dann kommt dieses Trau­ma raus.“
Hoff­nung, sagt Mari­na Bon­das, „macht mir zum einen, dass die Leute unglaublich stark sind“. Die rus­sis­che Armee sei zwar mil­itärisch über­legen, aber die Sol­dat­en wüssten nicht, wofür sie kämpfen. „Und die ukrainis­chen Leute wis­sen, was sie vertei­di­gen.“ Sie gebe auch die Hoff­nung nicht auf, „dass Europa und die ganze Welt aufwacht und wir endlich mal den Luftraum schützen. Das ist das Einzige, was momen­tan helfen würde. Das würde helfen, die Leute ein­fach evakuieren zu lassen“, ist Bon­das überzeugt.

 

Dieser Beitrag ist Anfang März zuerst auf der Home­page von Deutsch­land­funk Kul­tur erschienen. Am 9. März sendete Deutsch­land­funk Kul­tur in der Rubrik „Im Gespräch“ ein aus­führlich­es Inter­view von Mod­er­a­torin Ulrike Timm mit Mari­na Bondas:
www.deutschlandfunkkultur.de/ukraine-hilfe-geigerin-marina-bondas-100.html
http://heartforukraine.com
www.ukraine-hilfe-berlin.de