Egner, Eugen (Hg.)

Die Tagebücher des W. A. Mozart

Illustriert von ihm selbst. Herausgegeben mit bisher unveröffentlichtem historischen Bild- und Textmaterial sowie einem Vorwort von Eugen Egner

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Zweitausendeins, Frankfurt/Main 2005
erschienen in: das Orchester 06/2006 , Seite 76

Die Tar­nung ist per­fekt. Wer Eugen Egn­ers Die Tage­büch­er des W.A. Mozart in der Hand hält, die anlässlich des 250. Geburt­stags des Kom­pon­is­ten neu aufgelegt wur­den, glaubt sich zunächst als Leser eines Bänd­chens der Insel-Bücherei. Die Auf­machung ver­heißt gediegene Neuigkeit­en aus dem Bere­ich der Hochkul­tur, hin­ter der bil­dungs­bürg­er­lichen Fas­sade ver­birgt sich aber gän­zlich Uner­wartetes.
Im Vor­wort des hier als „Her­aus­ge­ber“ fungieren­den Eugen Egn­er lesen wir, dass wir es mit „Mozarts Tage­büch­ern im Orig­i­nal­wort­laut“ zu tun haben, die Egn­er „beim Aufreißen des Zwis­chen­bo­dens in einem Pfar­rhaus“ gefun­den habe und sie nun – „mit Illus­tra­tio­nen aus der Fed­er des Kom­pon­is­ten“ – der Nach­welt präsen­tiere. Exper­tisen hat er beigegeben: Haydn, Beethoven und Salieri beken­nen alle­samt: „Alles echt.“
Egn­er, dessen Zeich­nun­gen ab 1978 in der Wup­per­taler Stadtil­lus­tri­erten, später auch u.a. in Titan­ic, Eulen­spiegel und Die Zeit zu sehen waren, räumt gründlich mit den vielfachen Mozart-Apolo­gien aller Zeit­en auf und nimmt Mythen und Verk­lärun­gen, die Mozart anhaften, gründlich aufs Korn. Der Mozart dieser Tage­büch­er ist also kein Genie, son­dern ein äußerst bies­tiger, gän­zlich unin­spiri­ert­er Men­sch. Er wird vom Vater drangsaliert, was sich so anhört: „Der Herr Papa insistieret darauf, das ein musickus so tag­buch nicht führet, gar schief gewick­elt sey und ich mich soll täglich befleis­si­gen all mein that­en und erleb­nüsse […] getreülich niederzuschreiben. Ich aber wüst nicht was ich schreiben solle.“
Von den Frauen wird er unter­drückt, seine Gat­tin Con­stanze lässt sich von Salieri, Haydn und Beethoven schwängern, und wenn Mozart die Ideen zu Kom­po­si­tio­nen aus­ge­hen, muss Schwest­er Nan­nerl in die Bresche sprin­gen: „Man ver­langt von mir, ich solle 40 Sin­fonien schreiben, da wan­delt mich die frostigkeit des Todes an. doch das Nan­nerl schmirt sie mir hin.“
In diesem vom 28. Feb­ru­ar 1769 bis zum 4. Dezem­ber 1791, also bis kurz vor seinem Tod, nur lust­los auf väter­liche Anweisung hin geführten Tage­buch zeigt sich Mozart als infan­til­er, kleinkari­ert­er Mis­an­throp, dem man niemals hätte begeg­nen wollen und der das stets gegen ihn gerichtete Leben mit Mühe eher schlecht als recht zu bewälti­gen ver­mag. Mozart wird hier unsan­ft und mit schmis­siger Fed­er vom Sock­el gestürzt, die Sprache der mozartschen Briefe präg­nant karikiert. Das hat etwas Wohltuen­des, zumal im Über­schwang des Mozart-Jahrs und wenn die Satire so leicht­füßig daherkommt, was meist je bess­er funk­tion­iert, desto höher die Säule ist, auf der ein „Heiliger“ zu Ste­hen gekom­men ist.
Ander­er­seits: So antibürg­er­lich wie der getarnte Wolf im Schaf­spelz daherkommt, ist er let­z­tendlich nicht, denn die mozartsche Kun­st genau zu ken­nen set­zt dieses Büch­lein voraus und es hat wom­öglich einen zweifel­haften Aspekt, die Mythen, die dem Kom­pon­is­ten anhaften, gegen ihn selb­st gerichtet zu demon­tieren. Den Mythos Mozart haben andere als der Kün­stler selb­st gespon­nen, und gegen deren schwärmerischen Ton der Ausle­gun­gen hätte man die Pfeile der Ironie eben­so richt­en kön­nen. Aber das wäre ein anderes Buch gewor­den…
Beate Tröger