Geck, Martin

Die Sinfonien Beethovens

Neun Wege zum Ideenkunstwerk

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Olms, Hildesheim 2015
erschienen in: das Orchester 02/2016 , Seite 64

Mar­tin Geck zählt zu jenen weni­gen Autoren, die man immer mit Gewinn liest. Seine großen biografis­chen Darstel­lun­gen zu Johann Sebas­t­ian Bach und Richard Wag­n­er sind Meilen­steine aktueller Musikhis­to­ri­ografie, weil sie, neben aller Dichte in der Aufar­beitung der Fak­ten, immer auch den Musikpäd­a­gogen erken­nen lassen, mithin glänzend konzip­iert und geschrieben sind und jed­er­mann vor­be­halt­los emp­fohlen wer­den kön­nen. Auch zu Beethoven hat sich der Autor bere­its in der Ver­gan­gen­heit promi­nent und nach­drück­lich zu Wort gemeldet: Seine „neue“ roro­ro-Mono­grafie etwa ist der alten klis­chee­be­hafteten von Fritz Zobeley turmhoch über­legen.
Nun also neun eher kleine Essays zu den Sym­phonien: Ab einem gewis­sen Alter (und entsprechend aus­ges­tat­tet mit höch­ster Rep­u­ta­tion) braucht ein Autor keine Angst mehr zu haben, sich auf glattes Par­kett zu begeben, auch wenn der Gegen­stand, über den er schreibt, nun wahrhaft „aus­ther­a­piert“ zu sein scheint. Entsprechend darf der Fach­mann nicht erwarten, in Gecks Darstel­lung durchge­hend mit Neuem bekan­nt­gemacht zu wer­den: Dies bet­rifft die einzel­nen Werk­darstel­lun­gen eben­so wie die in zwei Hin­führun­gen zusam­mengestell­ten Gedankengänge und Ver­ständ­nisvo­raus­set­zun­gen. Über­legun­gen zu Bona­parte dür­fen hier natür­lich eben­so wenig fehlen wie die Diskus­sion über den „falschen“ Reprisenein­satz im Kopf­satz der Eroica, über uner­hört schreiende Dis­so­nanzen oder über Kon­tra­punk­te „con alcune licence“, wie Beethoven sie so schätzt.
Die neun Einzelka­pi­tel zu den Sym­phonien sind eher knapp gehal­ten (zwis­chen 6 und 16 Seit­en) und bestechen neben der wun­der­bar klaren Dik­tion ger­ade durch ihren per­sön­lichen Zugriff. Geck schreibt keinen Werk­führer, son­dern stellt her­aus, was ihm wichtig ist. Er hat alles Recht dazu, und der Leser darf, nein: sollte sich dem Autor vor­be­halt­los anver­trauen. Er prof­i­tiert vom Nachvol­lziehen jedes Haupt- und Nebengedankens. Da der Blick­winkel von Werk zu Werk wech­selt – keine Sym­phonie gle­icht der anderen! –, kommt es auch zu kein­er­lei Dop­pelun­gen oder Redun­danzen. Beethovens Ideenkunst­werk, wie Geck es insistierend nen­nt, wird ger­ade durch den unkon­ven­tionellen und eher sub­jek­tiv­en Zugriff des Autors bis in die son­st oft­mals unbeachteten Winkel hinein aus­geleuchtet.
Die Textpar­tien des Buchs sind also, wie erwartet und erhofft, großar­tig gelun­gen. Lei­der sind die Abbil­dun­gen so klein ger­at­en, dass sie trotz der bisweilen „inten­siv­en“ Bil­dun­ter­schriften unberedt bleiben müssen – weil man schlicht zu wenig erken­nen kann. Freilich ist dem Rezensen­ten auch nach inten­sivem Nach­denken nicht einge­fall­en, wie man hier klüger hätte ver­fahren kön­nen. Davon abge­se­hen gibt es prak­tisch keine Ziel­gruppe, der man dies Buch nicht wärm­stens empfehlen kön­nte.
Ulrich Bartels