Susanne Gilles-Kircher / Hildegard Hogen / Rainer Mohrs (Hg.)

Die Schott Music Group

250 Jahre Verlagsgeschichte

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Schott
erschienen in: das Orchester 01/2021 , Seite 64

März 1827. Beethoven liegt auf dem Ster­be­bett, als die von ihm erbetene Sendung Rüdesheimer Weins ein­trifft. „Schade! Zu spät!“: Dies sollen des Kom­pon­is­ten let­zte Worte gewe­sen sein. Absender dieser Wein­liefer­ung war der Mainz­er Ver­lag Schott, mit dem Beethoven Mitte der 1820er Jahre in Kon­takt getreten war und dem er die Rechte zur Veröf­fentlichung der Mis­sa solem­nis und der neun­ten Sym­phonie über­tra­gen hat­te.
Nicht nur Beethoven wurde im Jahr 2020 zwei­hun­dert­fün­fzig Jahre alt, son­dern auch das von Bern­hard Schott 1770 in Mainz gegrün­dete, bis heute dessen Nach­na­men tra­gende Ver­lagshaus, das sich mit einem Text- und Bild­band selb­st zum Geburt­stag grat­uliert. „250 Jahre Ver­lags­geschichte“ wer­den hier doku­men­tiert, Jahre voller Erfolge, aber auch voller Krisen. Doch immer gelang es den geschäft­stüchti­gen Inhab­ern, den Ver­lag durch schwierige Zeitläufte zu steuern, von der franzö­sis­chen Beset­zung 1797 an bis hin zu den Krisen der Infla­tion­szeit und den Zer­störun­gen des Zweit­en Weltkriegs. Untrennbar ver­webt sich in der Darstel­lung immer wieder Musik- mit Sozial- und Wirtschafts­geschichte.
Der älteste noch existierende deutsche Musikver­lag ist die heutige „Schott Music Group“ zwar nicht, hat aber eine Son­der­stel­lung dadurch, dass er nach wie vor als Fam­i­lien- oder wenig­stens Zwei-Fam­i­lien- Unternehmen gel­ten kann. Als die Fam­i­lie Schott in der Enkel­gen­er­a­tion im Jahr 1874 ausstarb, wurde der junge Lud­wig Streck­er vom Grün­der-Enkel Franz Schott zum desig­nierten Nach­fol­ger erwählt, und bis heute liegt die Ver­lagsleitung in der Hand von dessen Nachkom­men.
Viele große Namen der Musikgeschichte sind in den Ver­lags-Kat­a­lo­gen vertreten: nach Beethoven her­vorstechend Richard Wag­n­er, dessen üppige Hon­o­rar­forderun­gen die Ver­lagsleitung mit dem sicherem Instinkt akzep­tierte, eine Zukun­ftsin­vesti­tion zu täti­gen. Der Erfolg im Auf­spüren neuer Autoren set­zte sich im 20. Jahrhun­dert mit Hin­demith und Straw­in­sky fort, wobei die Entste­hung des Vio­linkonz­erts des Let­zteren von Willy Streck­er ini­ti­iert wurde. Nach dem Zweit­en Weltkrieg wusste der Ver­lag neuer­lich mit Hen­ze, Reimann, Ligeti und Pen­derec­ki Kom­pon­is­ten an sich zu binden, die Musikgeschichte macht­en.
Natür­lich: mit großen Namen allein kann ein Ver­lag nach ökonomis­chen Gesicht­spunk­ten nicht existieren. Es wun­dert nicht, dass sich die Ver­lagspoli­tik stets auch am bre­it­en Geschmack ori­en­tierte und mit Bear­beitun­gen pop­ulär­er Stücke auf die Ziel­gruppe der Lieb­haber und Ama­teure set­zte. Erstaunt liest man fern­er, dass der Ver­lag Schott im frühen 19. Jahrhun­dert auch im Instru­menten­han­del und ‑bau aktiv war.
Biografis­che und sach­be­zo­gene Kapi­tel wech­seln einan­der in der Darstel­lung ab, was zudem durch die Tätigkeit mehrerer Autoren zu gele­gentlichen Redun­danzen führt. Das stört let­ztlich wenig, wenn der Leser dafür immer wieder unver­hofften Nutzen zieht: So wird ihm etwa neben­bei eine kleine Geschichte der Noten­her­stel­lung geboten.
Ger­hard Dietel